Vom Zwergenland in den Himalaya
Zogen es die meisten Zeitgenossen hierzulande vor, die Advents- und Weihnachtszeit zu Hause bzw. im Schoße der Familie zu verbringen, so hatten sich die Olbersdorfer Schriftstellerin Ulrike Leubner – besser als „Zwergen-Ulli“ bekannt – und ihr Mann diesmal anders entschieden. Sie zog es mit einer Trekking-Gruppe hinaus in die weite Welt, oder besser zu deren Dach, dem Himalaya. Dazu die 56jährige Pädagogin: „Die Einfachheit, mit der das nepalesische Volk dort lebt und glücklich ist, bringt mich immer wieder zum Kern des Menschseins zurück“, berichtet sie unmittelbar nach der Rückkehr.
Sich selbst ernähren, indem man eigenhändig sät, pflanzt und erntet, die Lebensmittel durch Trocknen haltbar macht, später kocht – und das alles mit Mitteln, die die Natur selbst bietet – das sei doch die eigentliche Aufgabe des Daseins, ist ihre wichtigste persönliche Erkenntnis.
In den oberen Regionen habe es oft keinen Strom für Beleuchtung und Heizung gegeben, Heizmaterial beschränkte sich vorwiegend auf Tierkot, erzählt sie weiter. Es sei für unsere Verhältnisse recht schwer, zu glauben, dass sich diese Menschen meist nur durch die Sonnenstrahlen erwärmen, weshalb sie sich auch vorwiegend im Freien aufhalten.
„Kritisch wird es allerdings, wenn an längeren Nebeltagen die Sonne völlig fehlt, wie es bereits in den erst kurze Zeit zurückliegenden Monaten November und Dezember geschah“, räumt Ulrike Leubner ein. Dabei habe es leider auch mehrere Todesfälle gegeben, die Leute seien einfach erfroren.
Nachdem Ulrike Leubner bereits 2007 Tibet besuchte, trat sie zwei Jahre später ihre erste Nepalreise an. Das Leben im Einklang mit der Natur sei ihnen anfangs befremdlich erschienen, erinnert sie sich. Auf den ersten Blick bedauerte sie die Menschen ob ihrer Armut. Erst auf den zweiten Blick habe sie in deren Gesichtern ein ausgeglichenes Wesen und Glück erkannt.
Immer wieder beteuerten die Nepalesen, dass es ihnen an nichts fehle und ihr Glaube sie bis ins Innerste erfülle. Trotzdem nahmen sie stets gern Hilfe an, besonders dann, wenn es um das Wohl und die Bildung ihrer Kinder ging. Ulrike Leubner, die im Hauptberuf seit elf Jahren als freie Fachberaterin für Pädagoginnen und Pädagogen in Kindertagesstätten tätig ist, suchte natürlich immer wieder den Kontakt zu den jüngsten Bewohnern dieser mitunter doch recht unwirtlichen Bergregion.
„Der Weg führte uns bereits damals bis hinauf ins Base-Camp des Berges „Ama Dablam“ in 5.000 Meter Höhe“, erzählt die Autorin. „Den Mount Everest zum Greifen nahe, ließen mich vor allem die Eindrücke um die Menschen dieser fantastischen Bergwelt nicht los.“ Deshalb kehrte sie nun mit ihrem Ehemann Frank nach Nepal zurück.
Die Umrundung des Annapurna-Bergmassivs mit seinen vier Gipfeln erwies sich allerdings in diesem Dezember als besonders hart. So habe sie die dort herrschenden widrigen Bedingungen wirklich am eigenen Leibe kennen gelernt. Ungeheizte, spartanisch eingerichtete Gebäude boten wenigstens bei Nacht Schutz. Das ohnehin nur unregelmäßig verfügbare Wasser war eingefroren, ebenso die Toiletten.
Kälte und Sturm begleiteten die Trekking-Gruppe beim Bezwingen des 5.416 Meter hohen Thorong-Passes. Alle verfügbaren Kleidungsstücke wurden einfach übereinander gepackt, um den drohenden Erfrierungen zu entgehen. Bereits um 3 Uhr morgens machten sich die Leubners und ihre Begleiter, mit Stirnlampen ausgerüstet, langsamen Schrittes auf die nächste Etappe, zum High-Camp. Ulrike Leubner vertraute dabei ihren Rucksack einem der Nepalesen an, und bot ihm so die Möglichkeit, sich etwas Geld für das dringend benötigte Heizöl zu verdienen.
„Bei Tageslicht erreichten wir schließlich den Pass“, berichtet sie weiter. „Blauer Himmel, strahlender Sonnenschein sowie die liebevolle Gastfreundschaft und Betreuung durch unsere einheimischen Führer und Träger ließen alles zu einem noch beeindruckenderen Erlebnis werden.“
Leider gebe es kein Gipfelfoto von ihrer Gruppe, da jeder mit sich selbst zu tun hatte und von dieser, für Europäer schier unerträglichen Höhe so schnell als irgend möglich wieder herunter wollte. Zudem hätten sie ja gewusst, dass noch ein mindestens sechs Stunden dauernder 1.400 Höhenmeter-Abstieg vor ihnen lag.
Schwer erschüttert vernahmen sie nur einen Tag nach ihrer eigenen Bezwingung des Passes die Nachricht, dass die nachfolgende englische Trekking-Gruppe durch einen Wintereinbruch mit Schneesturm dort oben in große Schwierigkeiten geraten war. In den folgenden Tagen erfroren sogar mehrere nepalesische Bergbauern. So eng liege eben in dieser Welt Freude und Leid beieinander, sagt sie nachdenklich.
„Zwischen den mächtigsten Bergen der Welt fühlte ich mich selbst wie einer der Zwerge aus meinen Büchern“, bekennt Ulrike Leubner, „den Blick nach oben richtend, staunend und voller Respekt vor der Kraft des Großen.“ Sie habe sich in Situationen wieder gefunden, in denen sie neue Lösungen für Probleme mit ganz anderen Dimensionen als zu Hause suchen und finden musste. So manches Mal ging das nur mit Improvisieren, und am Ende staunte sie selbst über die eigenen Ergebnisse – genau wie ihre kleinen Helden im Oberlausitzer „Zwergenland“.
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