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Was ist aus den kleinen Mädchen mit ihren Blumenkörbchen geworden, was aus den Soldaten, die um 1914 so dekorativ ihre Gewehre für das Gruppenfoto hielten, was aus den Ehepaaren, was aus den Erst-Kommunion-Kindern und was aus der alten Dame mit dem pfiffigen Blick? Diese und weitere Fragen stellt man sich unwillkürlich beim Betrachten der historischen Fotos, die gegenwärtig im Haus der Tschechisch-Deutschen Verständigung in Jablonec nad Nisou (Gablonz) zu sehen sind.

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„Die Idee zu dieser Ausstellung kam mir beim Durchblättern unseres alten Familienalbums“, erzählt der 70jährige, heute in München lebende Kulturhistoriker Dr. Dieter Klein. „Da waren meine deutschen, ungarischen und tschechischen Vorfahren friedlich nebeneinander eingeordnet. Bildunterschriften fehlen meist, weil schon mein Großvater nicht mehr alle Namen der Abgebildeten gekannt hatte.“

Dieter Klein, der schon als Vierjähriger mit der Familie das heimatliche Kukan (heute Jablonecer Ortsteil Kokonín) verlassen musste, hatte sich mit zunehmendem Alter beim Ansehen der teils schon vergilbten Fotos immer wieder gefragt: „Wie waren die Leute damals – alle kaisertreu? Alle Nazis? Alle Kommunisten? Alle Widerstandskämpfer? Oder alle nur Menschen?“

Schätze von privaten Familienalben aus den Epochen der Donaumonarchie, der Ersten Republik und den problematischen Jahren von 1938 bis etwa 1950 hat der Autor zusammengetragen. Immer auf der Suche nach nationalen oder sonstigen Unterschieden. Und er kam zu dem Ergebnis, dass nicht einmal das berühmt-berüchtigte Hitler-Bärtchen ein verlässliches Kennzeichen war.

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Deutsche, Tschechen, Juden – sie alle lebten bis ins 19. Jahrhundert hinein meist friedlich zusammen und machten die Böhmischen Kronländer zu einer der wohlhabendsten Regionen Europas. Im Raum Jablonec nad Nisou (Gablonz) finde man heute natürlich weit mehr tschechische als sudetendeutsche Familienalben, räumt Dieter Klein ein, da 1945 bei der Vertreibung teilweise die Mitnahme von Fotos sogar streng verboten war. Mehrere fanden sich aber bei den Nachkommen aus den „gemischten“ Ehen. Sie gelangten auf verschiedenen Wegen zu Verwandten in anderen Städten oder Ländern und blieben so der Nachwelt erhalten.

Die Palette der Themen innerhalb der Exposition ergibt sich natürlich auch aus dem Anlass des Fotografierens. Portraitfotos zeigen „fein“ gemachte Damen und Herren von ihrer „besten“ Seite mit Schmuck oder Uhrketten, manchmal sogar mit Handschuhen. Deutsche wie Tschechen wurden von den Berufsfotografen möglichst wirkungsvoll drapiert, eventuelle Falten sorgfältig weg retuschiert. Die Hochzeitsbilder wirken meist „repräsentativ“, ebenso die gestellten Familienfotos mit mehreren Generationen vor gemalten Kulissen mit gestickten Tischdecken oder Blumensträußen und aufwändigen Möbeln. Das Motiv einer scheinbar spontan aufspringenden Braut muss geradezu als revolutionär bezeichnet werden - neben all den etwas steif wirkenden, bestenfalls lächelnden übrigen Hochzeitern, es befinden sich darunter auch Fotos von deutsch-tschechischen Hochzeiten.

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Auch Familienfeiern wie Taufen, Geburtstage oder Weihnachten waren Anlässe, einen Fotografen zu bestellen oder in späteren Jahren selber auf den Auslöser zu drücken, als das Fotografieren mit Glasnegativen nicht mehr so umständlich und die Verwendung von Magnesium-Pulver als Blitzlicht erfunden war. Beliebt waren Posen wie nachdenkliches Blättern in Büchern, den Kopf auf einen Arm gestützt oder den Blick in die Ferne gerichtet. Bei Kinderbildern legte man Wert auf Attribute wie Eisbärenfell, Blumenkörbchen, Stofftiere und anders Spielzeug, bei den Größeren, den Heranwachsenden wurden Musikinstrumente oder Bücher zugeordnet.

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Schulklassen mit ihren Lehrern wurden gerne symmetrisch gruppiert, ähnlich auch die Sportgruppen oder Vereine, mit im Vordergrund liegenden, meist jüngeren Mitgliedern. Auch die Faschingsverkleidungen oder Uniformträger waren viele Fotos wert –  Uniformen bilden übrigens das wesentlichste Erkennungsmerkmal zwischen Angehörigen unserer beiden Völker – von Trachten einmal abgesehen, die es aber in Gablonz nicht gab. Außerhalb des familiären Rahmens wurden auch Fotos von öffentlichen Ereignissen wie Jubiläen, Laien-Theateraufführungen, Gebäudeeinweihungen von Schulen, Kirchen, Fabriken oder Läden mit ihrem Personal gemacht – auch sie fanden Eingang in die Alben.

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„Ob wirklich alle hier gezeigten Bilder in einer direkten Beziehung zu Gablonz oder zumindest zu Nordböhmen gestanden haben, ist nicht mehr eindeutig zu klären“; stellt Dieter Klein fest. „Eines aber machen sie mit Sicherheit klar - optisch waren diese Menschen in ihrer Gesamtheit nicht zu unterscheiden. Charaktere sind unabhängig von Nationalität und Sprache, überall  gibt es Helden und Feiglinge, auch Schönheit lässt nicht unbedingt auf positive Charaktereigenschaften schließen.“ Davon abgesehen gebe es durchaus verschiedene Mentalitäten, die von äußeren Einflüssen wie Existenzproblemen oder Krankheiten abhängen können, vielleicht auch von eigenen Erfahrungen oder gar Schikanen und Demütigungen geprägt waren und sind, die aber trotzdem nicht verallgemeinert werden sollten. Den zu erwartende Vorwurf, dass die Ausstellung die gemeinsame Vergangenheit beschönigend und idyllischer darzustellen versucht, als sie in Wirklichkeit war, könne er sogar verstehen, sagt Klein. Dafür waren die positiven persönlichen Erfahrungen mit den „anderen Volksgruppen“ maßgeblich. Andere Sudetendeutsche und Tschechen hätten gegenteilige, äußerst negative Erfahrungen miteinander machen müssen und seien deshalb entsprechend traumatisiert. Und er kommt zum Resümee: 

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„Kein Volk darf sich mit Berechtigung als eine allen anderen überlegene ,Edelrasse´ fühlen. Außerdem: sollte sich der viel zitierte ,Volkscharakter´ bei unseren Vorfahren zum Beispiel bei Mischehen durch die Heirat sofort verändert haben? Oder die ,Rasse´ durch Heirat zwischen Juden und Christen?“ Den Schöpfern solcher Theorien sei die Absurdität ihrer Konstrukte natürlich nie bewusst geworden. Schlimm nur, dass sie zum Teil noch bis heute vertreten werden. Vielleicht gebe die Ausstellung den einen oder anderen Anstoß zum Umdenken.

WEITERE INFORMATIONEN:
Titel der Ausstellung: „Deutsch-Tschechisches Familienalbum“,
Ort: „Haus der Tschechisch-Deutschen Verständigung“, Československé armády 24, CZ 466 05 Jablonec nad Nisou – Rýnovice,
Öffnungszeiten: Mittwoch bis Sonnabend, bis einschließlich 15. Dezember – 14 bis 17 Uhr, bzw. nach telefonischer Vereinbarung über 0042/483305907. 

  

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