
Es ist ein Sonnabendvormittag, und die Sonne lacht vom Himmel. Für die 65jährige Jadwiga Kopij aus dem polnischen Zielona Góra (Grünberg) die ideale Gelegenheit, eine Weile auf der Bank am Zittauer Markt von den Anstrengungen des gerade zu Ende gegangenen Stadtrundganges etwas zu verschnaufen. Sie genießt das Bild des markanten Rathauses und das pulsierenden Lebens ringsum. Das muss sie unbedingt festhalten. Aber anders als die meisten Touristen hier greift sie nicht zur Digitalkamera, sondern zu Skizzenblock und Bleistift. Und das hat seinen Grund.

Die pensionierte Ökonomin gehört zu einer 40-köpfigen Delegation der „Uniwersytet Trzeciego Wieku“ (UTW), einer Bildungseinrichtung für Menschen aller Altersgruppen, ähnlich unserer Volkshochschule, aus der kreisfreien Universitäts- und Bischofsstadt Zielona Góra (Grünberg) im Westen Polens.
Drei Tage lang sind die kunstinteressierten Seniorinnen und Senioren im Rahmen eines Workshops sowohl mit der Kamera als auch mit Mal- und Zeichenutensilien in der Altstadt unterwegs. Für Jadwiga Kopij ist es der erste Kontakt mit Zittau überhaupt. Und sie ist begeistert.
„Die Stadt ist wunderschön“, schwärmt sie. „Es ist sehr schwer zu sagen, was mir bei dem Rundgang am besten gefallen hat. Der Markt, die engen Gassen mit ihrem Licht- und Schattenspiel, die Stuckfassaden, Brunnen – einfach alles.“ Als Hobby-Künstlerin ist sie natürlich auch vom Projekt „Mandauer Glanz“, also der nicht alltäglichen Gestaltung des Quartiers Rosenstraße/Grüne Straße sehr angetan. Sie finde es wunderbar, wie man es hier verstand, die einstige Monotonie der Architektur zu durchbrechen, sagt sie.

Ihre eigenen ersten Aktivitäten begannen während der Studentenzeit in Warschau mit Pinsel, Farbtopf und Spray. Ziel waren nicht die Leinwand, sondern Mauern. Frust und Protest wollten die jungen Leute zum Ausdruck bringen. Später als Ökonomin suchte sie einen Ausgleich zum tagtäglichen Umgang mit eintönigen Zahlenkolonnen und Formeln.
Vor 18 Jahren fand sie dann zu „Kontrapost“, einer von mehreren Künstlergruppen innerhalb der UTW. Inzwischen ist sie natürlich längst vom Graffiti zu Öl- und Pastellfarben gewechselt. Bleistiftskizzen wie heute gehören aber auch unbedingt dazu. Ihre ersten Ausstellungen habe sie in der Wohnung gemacht, um ihren Mann zu ärgern, erzählt sie schmunzelnd. Der sei Uhrensammler und nahm bereits mehrere Wände in Beschlag.
Inzwischen hat sie mehrfach an Gemeinschaftsausstellungen mitgearbeitet, nicht nur zu Hause, sondern z. B. auch in der Partnerstadt Cottbus, in Frankfurt/Oder und im tschechischen Nové Město pod Smrkem (Neustadt an der Tafelfichte). Auch drei eigene Expositionen gestaltete sie. Nach 1977 und 2004 folgte 2011 die bislang jüngste unter dem Titel: „Unter dem Druck der Schönheit“ – für sie so etwas wie ein künstlerisches Credo.
Heute wurden die polnischen Gäste während des Rundgangs durch Teilnehmer eines ähnlichen Kurses an der Volkshochschule Dreiländereck unter Leitung von Angelika Heinze, die für den Fachbereich Kultur und Gesundheit zuständig ist, begleitet. Nachdem man sich gemeinsam erholt hat, geht es nun an die eigentliche Arbeit.
„Die Ergebnisse werden im Herbst öffentlich in Zielona Góra (Grünberg) ausgestellt“, informiert Zittaus Kulturreferentin Wiepke Steudner. Sie ließ es sich nicht nehmen, die polnischen Gäste zu begleiten. Aus diesem Anlass werde das Rathaus für Anfang September eine Bürgerfahrt organisieren. Natürlich hoffe sie auf reges Interesse.

„Unsere Stadt hat schon immer gern die Fühler über den eigenen Tellerrand hinaus nach nebenan ausgestreckt“, berichtet Barbara Krzeszewska-Zmyślony, die Gründerin und seit 15 Jahre Leiterin des Zentrums für deutsche Sprache und Literatur an der Universität ihrer Heimatstadt. Heute ist sie „nur“ als Dolmetscherin mitgekommen, sagt sie, aber sie gehörte zu jenem kleinen Häuflein, dass vor vier Jahren die ersten, aber bis heute erhalten gebliebenen Kontakte im Zittauer Rathaus knüpfte. Gern erinnert sie sich auch an ihren Aufenthalt in Zittau, als die weitere Zusammenarbeit beider Theater beschlossen wurde.
Eine klassische Städtepartnerschaft gibt es nicht, und sie ist wohl auch nicht unbedingt angestrebt. Umso vielfältiger sind inzwischen die von beiden Stadtverwaltungen unterstützten und geförderten Kontakte zwischen Schulen, Sport- und Kulturgruppen sowie weiteren Vereinen geworden. All das, so wie auch den Workshop an diesem Wochenende, sieht sie in dem Bestreben, die Normalität in den Beziehungen zwischen den Menschen unserer beiden Länder auf allen Gebieten weiter voran zu bringen. Und da möchte sie auch künftig unbedingt dabei sein.
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