„Wir haben die Geschichte erlebt, wir können sie nicht mehr verändern. Aber wir müssen sie öffentlich machen. Wir müssen den Menschen unserer Länder, und besonders der Jugend, zeigen, wie sie wirklich war.“
Edward Semper, „Bratctwo Zemi Bogatyńskej“
(Bruderschaft des Reichenauer Landes)

Die Gespräche der neugierigen Zuschauer im Hof des Anwesens Nr. 41 an der Hauptstraße von Kopaczów (Oberullersdorf) verstummten, als der junge Mann in der schwarzen Robe und mit wallender weißer Perücke auf dem Haupt dreimal mit dem hölzernen Hammer auf den Tisch schlug und in polnischer Sprache den „Gerichtstag in Oberullersdorf Anno 1645“ für eröffnet erklärte. Was nun folgte, war ein für alle Seiten vergnügliches Spektakel mit tieferem Sinn.

Die Mädchen und Jungen des Internationalen Kinder- und Jugendparlaments „Neiße“ versuchten an diesem Nachmittag, sich in die Gepflogenheiten dörflicher Gerichtsbarkeit hinein zu versetzten. Dazu trug übrigens nicht nur das Ambiente des Gebäudekomplexes teil, sondern auch die nun einmal seit eh und je zum Bauernhof gehörenden Schnattertiere samt ihrem Nachwuchs, Hühnchen und Hähnchen sowie Hund und Katze. Das Ganze war Teil des diesjährigen Forschungsprojekts, in dessen Mittelpunkt eben jener im Jahre 1909 erbaute Hof und sein damaliger Besitzer F. R. Scholze stehen. Doch zurück zum Spiel der jungen Akteure, bei dem man natürlich den Gastgebern den Vortritt gelassen hatte.

Angeklagt war ein Pärchen. Die Frau hatte während des Markttages der Blumenhändlerin eine Geldbörse gestohlen und diese im Gedränge ihrem Kumpanen zugeschoben. Schnell versuchten sie in der Masse unter zu tauchen, doch beide wurden erwischt und nach Anhörung der Geschädigten auf der Stelle durch den gestrengen Dorfschulzen verurteilt.

Während die Diebin mit einer grauslichen Schandmaske versehen der Lächerlichkeit preisgegeben wurde, stellte man ihren Helfer an den Pranger und verabreichte ihm eine stattliche Anzahl Prügel mit dem Reisigbesen. Natürlich belohnten die vorwiegend polnischen Zuschauer das Spiel mit lustigen Bemerkungen und reichlich verdientem Beifall. Da die tschechischen Freunde aus vorwiegend durch die Schule bedingten Gründen kamen, war es nun für „Richter Kevin“ an der Zeit, sich als Zeichen seiner Würde die Perücke aufzusetzen und mittels Hammerschlag die nächste Verhandlung zu eröffnen.
Angeklagt war die Kartenlegerin und Landstreicherin Alexandra Wolf, genannt die Wölfin. Sie habe Rebecca, der Witwe des Müllers Hans Krüger, ein frisches Brot gestohlen, hieß es. Diese hatte laut Anklage vier Laibe zum Auskühlen auf die Fensterbank gelegt und kurz darauf nur noch drei vorgefunden. Natürlich stritt die Angeklagte alles ab, wurde aber mit Hilfe zweier Zeugen schließlich überführt.

Da war zum einen der Nachtwächter Klaus Müller, der das beschuldigte Weibsbild beim Entwenden des Brotes beobachtete. Offensichtlich hatte sie es aber nur teilweise verzehrt, bot sie doch eine Hälfte dem Wirt des „Wilden Hirsch“, Otto Pichler, als Lohn für ein Nachtlager an. Allerdings war sie am Morgen weg und mit ihr das Brot. Es erging folgendes Urteil: Die Wölfin wurde schuldig gesprochen. Ihre Strafe bestand darin, dem Pichler-Wirt sieben Tage ohne Lohn in der Wirtschaft zu helfen und außerdem sieben Brote für die Witwe Krüger zu backen.

Auch verdonnerte das Gericht die Klägerin und den Nachtwächter, die nämlich ein heimliches Liebespaar waren, dazu, künftig einen sittsamen Lebenswandel zu führen und sich zu verehelichen. Auch diesmal hatten die jungen Schauspieler das Gelächter und den Beifall der Zuschauer, unter denen sich selbstverständlich auch der heutige Besitzer des Anwesens, Wincenty Rosiak, befand, auf ihrer Seite.

„Das war ganz toll“, schwärmte Janusz Sontowski, der Vorsitzende des Heimatvereins BZB aus Bogatynia (Reichenau). „Wenn die Kinder das nächstes Jahr wieder machen, könnte es zu einer echten Tradition werden.“ In der Gemeinde werde sich sehr schnell herumsprechen, wie lustig es zuging. Die Mitglieder der Bruderschaft jedenfalls werden alles tun, um das Projekt und dessen großes Ziel, die Rettung und Restaurierung des Scholze-Hofes, mit ihren Möglichkeiten zu unterstützen.

Zufrieden zeigten sich auch „Regisseur“ Dr. Volker Beer, der neben seiner Arbeit in der Stadtverwaltung für das Internationale Kinder- und Jugendparlament „Neiße“ verantwortlich zeichnet, und seine in Sachen Kabarett erfahrene Assistentin Gisela Wanie. „Die Mädchen und Jungen hatten sich vorher im Archiv und der Bibliothek informiert“, berichtete Volker Beer. „Das setzten sie dann bei der Erarbeitung der Texte um.“ Auf jeden Fall habe es ihnen großen Spaß gemacht, bestätigten die beiden „streitsüchtigen Zittauer Weiber“, die 15jährige Gymnasiastin Alexandra Wolf und die 14jährige Rebecca Krüger von der Parkschule. Und lachend versicherten sie: „Natürlich sind wir beim nächsten Mal wieder dabei.“
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