Da ließen sich selbst die schwarzen frechen, sonst so allgegenwärtigen Krähen nicht im Zittauer Weinaugelände sehen oder zumindest nicht hören. Kein Wunder, erklangen doch in ihrem Revier kurzzeitig völlig andere, allerdings auch recht durchdringende und markante Töne - nämlich die von Kettensägen.
Irgendwie scheinen der Tierpark und seine Umgebung mitsamt dem Jahrhunderte alten Baumbestand Hobbykünstler, die mit diesem natürlichen Rohstoff meisterhaft umzugehen wissen, magisch anzuziehen. Bereits Anfang Mai 2010 hatten sie sich hier in der Nachbarschaft von Pinguin, Nasenbär und & zu ihrem 2. Symposium unter dem Motto "Waldwunder" getroffen und dabei sehr anschaulich unter Beweis gestellt, dass man mit der Kettensäge einen Baumstamm nicht nur in Brenn- oder Kaminholz verwandeln kann. Eine ähnliche deutsch-polnische Runde war am vergangenen Wochenende auf dem Platz neben dem Pavillon der Gaststätte "Zur Weinau" zu Gast.

Diesmal waren die "Holzwürmer" der Einladung des Heimatvereins "Oberlausitzer Dreispitz" Mittelherwigsdorf gefolgt. Unter dem altbekannten Motto "Sieben auf einen Streich" schufen die sechs Vertreter des aus den USA und Canada stammenden sogenannten "Chainsow Carving" unter den Augen der Zuschauer drei Tage lang Figuren, die besonders in der Oberlausitz, im Riesen- und Eulengebirge, aber auch aus Märchen und Sagen anderer Gegenden allgemein bekannt sind. Spontan hatte sich ihnen Silvia Renner angeschlossen, die einen sehenswerten Wassergeist unbekannten Namens fertigte. Im Gegensatz zu diesem war die einzige Frau in dieser Runde bei unserem Besuch leider weit und breit nicht zu sehen. 
"Wir bemerken seit längerem mit Sorge, wie das Volksgut unserer Heimat im Zuge der Amerikanisierung immer mehr vernachlässigt wird", berichtete Sven Heine, der Vereinsvorsitzende. "Das muss man aufhalten. Deshalb schaffen wir mit dieser Aktion hölzerne Botschafter der Oberlausitz." Genau wie ihre lebendigen Vorbilder sollen sie in den nächsten Tagen auf die Reise gehen, um von den Sitten und Gebräuchen der Menschen zwischen Oberlausitz und Riesengebirge Zeugnis abzulegen. Doch dazu später. Erstaunt erfuhr man im Gespräch, dass es sich bei den Akteuren durchaus nicht nur um Lokalpatrioten handelte.

Wohl aber traf das für den Eibauer Mario Hennig zu, der seit langem Kontakte zu jedem einzelnen Mitglied dieser bunt zusammengewürfelten Schar unterhält - Roger Malter aus Gönnersberg in der Vulkaneifel, Grzegorz Hadzicki aus ?widnica (Schweidnitz) in Niederschlesien, Bernd Winter aus Thale im Harz, Jerzy Kope? aus Przytoczna (Proittitsch) in der Wojewodschaft Lebus und schließlich Engelbert Weimann aus der Gegend von Zielona Góra (Grünberg) in Niederschlesien. Man laufe sich immer wieder über den Weg, schmunzelten sie. Und manchmal mache man da sogar etwas gemeinsam. Stimmt, da entstand doch am 9. Mai 2010 im Tierpark als Gemeinschaftswerk der deutsch-polnische Adler. Mario übernahm den Sockel und Engelbert gestaltete den stolzen Greifvogel.
Natürlich hatten sich auch wirkliche Darsteller der einzelnen Figuren eingefunden, um den Künstlern Modell zu stehen, Sven Heine selbst als Räuberhauptmann Karasek, Reinhard Thomas als Pumphut, der Oberlausitzer Braumönch Steffen Dittmar, Geschäftsführer der Bergquell-Brauerei Löbau, sowie ein bekannter Oberlausitzer in Volkstracht, nämlich Mundartdichter Hans Klecker. Die Stimmung war prächtig, und das schlug sich offensichtlich auch in Kreativität und Effektivität nieder. Natürlich waren das Interesse und die Bewunderung seitens der zahlreichen Zuschauer ein zusätzlicher Ansporn. Die kamen zusätzlich in den Genuss eine ganz persönliche Zauberschau "à la Pumphut" miterleben zu dürfen. Und das sogar ohne Eintrittsgeld. Im Gegenteil, den einen oder anderen beschenkte Reiner Thomas zusätzlich zu seinen Zaubertricks noch mit einem funkelnden Goldstück - natürlich mit aufgeprägtem Hut.
"Das ist echte Kunst", schwärmte die Zittauerin Monika Schmidt. "Ich hätte nie geglaubt, was man so alles mit einer Säge machen kann," Eine solche Vorführung sei den Spaziergang in die Weinau auf jeden Fall wert gewesen. Das fanden auch alle anderen Umstehenden. Viele Radfahrer, die sich eigentlich nur am Kiosk eine kleine Erfrischung gönnen wollten, blieben ebenfalls gern etwas länger, um Rübezahl, den namenlosen grimmigen Ritter und den schwergewichtigen Braumönch zu bestaunen. 
Die hölzernen Gesellen werden nun symbolisch ähnlich einer Stiftung an Interessenten verkauft, verbleiben aber im Rahmen ihrer Botschaftermission zusammen. Zu den ersten, die dieses Anliegen unterstützten gehörten der Generalsekretär des Sächsischen CDU-Landesverbands, Michael Kretschmer, sowie der Umweltpolitische Sprecher der CDU-Fraktion im Sächsischen Landtag, Stephan Meyer. Sie hatten sich für den Oberlausitzer entschieden. "Sven Heine sprach uns an, und da haben wir nicht lange gezögert", bestätigte Stephan Meyer. "Schließlich vertreten wir ja mit unserer Abgeordnetentätigkeit ebenfalls die Oberlausitz." Besonders freue er sich, dass sich auch mehrere Unternehmen der Region als Sponsoren an diesem Schausägen beteiligten. Auch das dokumentiere ein Stück Heimatverbundenheit.
Besitzer des Braumönches ist natürlich bereits dessen natürliches Vorbild - Bergquell-Chef Steffen Dittmar. Nach dem "Feinschliff", Konservierungsarbeiten und dem Anbringen entsprechender Informationstafeln in den drei Sprachen der Euroregion und Englisch in der kommenden Woche, gehen die stummen und trotzdem aussagekräftigen Botschafter auf die Reise. Erste Stationen sind die Sächsische Landesgartenschau in Löbau, diverse regionale Präsentationen, der Oberlausitzer Golf-Cup im Land Fleesensee (Mecklenburg-Vorpommern) sowie die 18. Europäische Senioren Leichtathletik-Meisterschaft in Zittau. Ihre "Ruhepausen" werden sie, laut Sven Heine, vor dem Eingangsbereich des Tierparkes genießen, während der "Winterschlaf" in den Hallen der Löbauer Bergquell-Brauerei erfolgt.
"Übrigens wird dieses Schausägen keine Eintagsfliege sein", verriet der Initiator am Sonntagmorgen. "Heimische Sagengestalten gibt es doch noch jede Menge, geeignetes Rohmaterial ebenfalls." Die Unterstützung durch die Sponsoren, ohne die eine solche Aktion gar nicht zustande gekommen wäre, sowie das große Interesse der Leute seinen eine gute Voraussetzung für eine Fortsetzung. Und die "Holzwürmer" nach ihrer Bereitschaft zu fragen wäre wohl fast so, wie Eulen nach Athen, oder in diesem Falle, Baumstämme in die Weinau tragen zu müssen.
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