„Wenn Ihr so unterrichtet seid, Herr Richter,
so sind dergleichen Fragen überflüssig.
Setzt ihren Namen in das Protokoll
und schreibt dabei: „Dem Amte wohlbekannt“.
Gerichtsrat Walter zum Dorfrichter Adam in „Der zerbrochene Krug“

Ob denn die Dorfrichter vor über einhundert Jahren im böhmisch-sächsischen Grenzgebiet faire Urteile fällten, oder sich dagegen auch dort solche Szenen abspielten, wie sie der Dichter Heinrich von Kleist in seinem 1808 uraufgeführten Stück „Der zerbrochene Krug“ zum Besten gab, dieser spannenden Frage gehen derzeit die Mitglieder des Internationalen Kinder- und Jugendparlaments „Neiße“ nach. Dabei wollen sie es aber nicht beim gründlichen Studium aller eventuell noch vorhandenen schriftlichen Unterlagen zur dörflichen Rechtsprechung und der Befragung von kompetenten Personen aus Ämtern, Museen, Traditionsvereinen usw. bewenden lassen.

Den Mädchen und Jungen ist darüber hinaus die praktische Erfahrung sehr wichtig. Diesem Ziel dient der am 21. Juni, ab 15 Uhr, im Hof Nr. 40 an der Hauptstraße in Kopaczów (Oberullersdorf) stattfindende Gerichtstag. Genau hier residierte nämlich seinerzeit vermutlich der „Dorfschulze“. Also werden die insgesamt 30, zu gleichen Teilen aus Hrádek nad Nisou (Grottau), Bogatynia (Reichenau) und Zittau kommenden Jugendlichen je einen Fall vorbereiten und in ihrer Sprache von der Anklage über die Beweisaufnahme bis hin zur Urteilsverkündung durchspielen. Ein Experiment, auf das man durchaus gespannt sein kann. Wie es dazu kam, erzählte Dr. Volker Beer, Leiter des Referats Kinder, Jugend, Schule und Sport bei der Stadtverwaltung Zittau:

„Bei der Arbeit am Projekt ,Geschichte erFahren – die Geschichte eines Grenzdorfes per Fahrrad erkunden´ machten sich die Mädchen und Jungen im vergangenen Jahr mit der Historie des ehemaligen Grenzdorfes Ullersdorf (heute Oldřichov na Hranicích, Stadtteil des tschechischen Hrádek nad Nisou/Grottau) – Oberullersdorf (heute Kopaczów, Stadtteil des polnischen Bogatynia/Reichenau) vertraut. Dabei fiel ihnen ein Steinwappen mit der Justitia an einem großen Gehöft in Kopaczów auf.“

Viele Fragen bezüglich dieses geheimnisvollen Zeitzeugen hätten sich dabei ergeben, berichtete Dr. Beer. Das sei eine echte Herausforderung gewesen. Man beschloss, sie anzunehmen. Daraus entstand das diesjährige Forschungsprojekt: „Der Dorfrichter im Grenzdorf Ullersdorf – ein Geschichts- & Gerichtsreport“. Noch heute befindet sich an der rechten Seite des Gebäudes eine steinerne Tafel, die verkündet: „F. R. Scholze – Erbauet 1909“. Der Zusammenhang des Namens dieses letzten deutschen Besitzers und der Bezeichnung „Schulze“ für den ehemaligen Dorfrichter lag auf der Hand.
Nun trafen sich Vertreter dreier Generationen aus den drei Ländern der Euroregion Neiße, darunter ehemalige und gegenwärtige Ullersdorfer. Auch der Oberseifersdorfer Joachim Scholze, dessen Großvater ein Bruder des ehemaligen deutschen Hofbesitzers war, stellte sich ein. Allerdings habe er selbst keinen der beiden Brüder mehr kennengelernt, berichtete er den jungen Leute um Volker Beer. Diese hatten inzwischen im Rahmen ihres Projekts angeregt, das Wappenschild, das darunter befindliche Relief mit der Darstellung eines Fuhrmanns und, soweit möglich, weitere Gebäudeteile zu sanieren bzw. sanieren zu lassen. Nun wollte man gemeinsam vor Ort darüber beraten, wie es weitergehen soll.

Zu den ersten, die diesen Gedanken begeistert aufgriffen, gehörte Dr. Dietmar Brendler aus Leipzig. Es sei für ihn selbstverständlich gewesen, zu diesem Meinungsaustausch zu kommen, betonte er. Der 70jährige ist hier geboren und gilt als „Vater“ der 2001 erstmals zwischen der Kirche St. Josef und dem heutigen „Park der Begegnungen“ veranstalteten Ullersdorfer Kirmes. Von seinen Aktivitäten künden vor allem das wieder aufgestellte alte deutsche Kriegerdenkmal sowie auch die 2008 und 2009 von ihm gestifteten beiden Ginkgobäume im Park. Ebenfalls einverstanden mit dieser Aufwertung seines Anwesens ist Wincenty Rosiak, der heutige Eigentümer. Er wird nun mit Unterstützung von Ortsvorsteher Mirosław Nowak einen Antrag stellen, damit der Hof vom zuständigen Amt in Jelenia Góra (Hirschberg) auf die Denkmalliste gesetzt wird. Damit hofft man gemeinsam auf ein paar Fördergelder. Unterstützung gibt es auch vom Heimatverein „Bratctwo Zemi Bogatyńskej“ (Bruderschaft des Reichenauer Landes) und dem 73-jährigen Hainewalder Bauingenieur Peter Palm, ebenfalls gebürtiger Reichenauer.
Der Wille zur Rettung dieses Stücks regionaler Geschichte des Dreiländerecks ist auf allen Seiten vorhanden, die finanziellen Mittel dafür derzeit leider noch nicht. Für den Vertreter des Denkmalamtes der Wojewodschaft Dolny Śląsk (Niederschlesien) schien es das Einfachste zu sein, wenn die deutsche Seite die Finanzierung übernehme. Er brauche dann nur noch das Projekt durch Unterschrift und Stempel zu genehmigen. Dass es so nicht geht, war natürlich allen anderen schnell klar. Schon allein die Erstellung des Projekts werde etwa 500 Euro kosten, schätzte einer der Experten. Der erste praktische Schritt, also die Restaurierung von Wappen und Relief, weitere etwa 100.000 Złoty (rund 24.000 Euro). Eine gewaltige Summe also. Sollten sich die Hoffnungen aller Beteiligten auf Fördermittel seitens der polnischen Denkmalbehörde oder eventuell aus dem EU-Kleinprojektefonds Ziel 3/Cíl 3 erfüllen, bliebe trotz allem ein nicht unerheblicher Eigenanteil zu erbringen. Dr. Beer wird deshalb im allgemeinen Einverständnis umgehend ein entsprechendes Spendenkonto eröffnen. Der Erfolg bleibt abzuwarten.
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