„Kruh Autorů Liberecka“ (KAL) – Kreis Reichenberger Autoren: Unsere Wortlandschaft
Wer wollte und könnte heute noch darüber hinwegsehen, dass sich in unserer Heimat, dem Dreiländereck zwischen der Oberlausitz, Nordböhmen und Niederschlesien, mit der Grenzöffnung vieles in Richtung eines zwar noch langsamen, aber doch kontinuierlichen Zusammenwachsens der Menschen getan hat? Daran werden auch die leider noch immer bestehenden Probleme wie Grenzkriminalität, bürokratische Hindernisse und egozentrisches Denken in manchen Amtsstuben und Ministerien auf Dauer nichts ändern können. 
Die Entwicklung eines freundschaftlichen und schöpferischen Miteinanders der Menschen entlang der Neiße auf auf geistigem Gebiet zu dokumentieren und zu fördern, darin besteht eines der wichtigsten Ziele des „Kruh Autorů Liberecka“ (KAL) – Kreis Reichenberger Autoren.
Ein weiterer Schritt in diese Richtung war die kürzliche Präsentation des ersten deutsch-tschechischen Lesebuches „Naše krajina slov – Unsere Wortlandschaft“ in der Wissenschaftlichen Bibliothek der Jeschkenstadt. Wie es dazu kam, erzählte der 60jährige Journalist und Autor mehrerer Romane und Geschichten Jan Šebelka, einer der beiden Herausgeber:
„Seit Beginn unserer Tätigkeit als Bürgerverein im November 1999 haben wir die Vision, Schriftsteller aus Liberec und dem Umfeld der Stadt in der ganzen Breite ihres Schaffens vorzustellen. Damit wollen wir zeigen, dass der nach dem Kriege vollzogene schmerzliche Bevölkerungsaustausch dieses Stück Land ideell nicht verkümmern ließ und dass vor allem nach dem politischen Umsturz im Jahre 1989 ein schöpferisches Hinterland entstand, das inspirierend wirkt und zu literarischer Tätigkeit anregt.“ Keiner der 19 im Buch vertretenen Autoren habe extra dafür etwas völlig Neues schreiben müssen, sagte Šebelka. Im Gegenteil, es war nicht leicht, aus der Fülle des Angebots das Optimale herauszufinden.

Es sei bereits zur Selbstverständlichkeit geworden, in dem regelmäßig gemeinsam mit der Wissenschaftlichen Bibliothek herausgegebenen Heft „Světlik“ (Das Oberlicht) und der seit 2003 jährlich erscheinenden selbständigen Sammelschrift „Kalmanach“ über den eigenen Tellerrand hinaus auch im deutschen und polnischen Teil der Euroregion Neiße lebende Autoren anhand ihres Schaffens vorzustellen, ergänzte der ebenfalls für die Herausgabe hauptverantwortlich zeichnende Vorsitzende des Autorenkreises Luboš Příhoda. Der 1943 im ostböhmischen Nachod geborene Journalist und Lyriker machte sich unter anderem auch einen Namen durch Übersetzungen der Werke von Rainer Kunze, Hans Cibulka und Johannes Bobrowski.
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Rückkehr ins Gebirge
Ich öffne mit dem Schlüssel den uralten Hochwald, ich fühl, den Bergen schulde ich was, bin dort verloren, wo man sich nicht verirren kann, durch eine Tränenlache kehr ich zurück zur Lausche. „Du bist gealtert“, flüstert die Wiese ringsum, am Rest der Ruine richt ich den Rücken auf, vielleicht rauscht der Bach wie Tränen einer Kanonade im Laub. Marek Sekyra |
„Wir wollen nun den bisherigen Trend nun umkehren“, sagt er. „Diesmal stellen wir unsere Autoren in der deutschen Übersetzung vor, damit sich die Nachbarn, ehemalige Bewohner dieser Landschaft und überhaupt Menschen in deutschsprachigen Gebieten eine Vorstellung von der heutigen Vielfalt regionaler Literatur machen können.“ Das Spektrum der KAL-Mitglieder ist bunt und vielseitig. Neben Lyrikern, Geschichten- und Romanschreibern sowie Essayisten finden sich hier auch Regisseure, Dramaturgen, Schauspieler, Bibliothekare, Philosophen, Historiker, Natur- und Heimatfreunde. Dem habe man natürlich auch bei der Auswahl der Beiträge bis zu einem gewissen Maße gerecht werden wollen.
Tatsächlich finden sich bei näherer Betrachtung und erst recht beim wirklichen Lesen die unterschiedlichsten Formen schriftstellerischen Schaffens. Das reicht von der Erinnerung an die Kindheit und Jugend im durch den Braunkohlenabbau geschundenen Most (Brüx) durch Pavel Brycz über die Betrachtungen Jiří Janáčeks zum Platz der tschechischen Oper auf der Bühne des ehemaligen Reichenberger Stadttheaters in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen, den von Eva Koudelková ausgegrabenen Wurzeln von Sagen der früheren deutschen Bevölkerung der Region bis hin zu Auszügen aus Miloslav Nevrlýs stimmungsvollen Schilderungen des Isergebirges und den Sudetendeutschen Erzählungen, in denen Marek Řehaček sehr feinfühlig aber auch schonungslos den Landstrich entlang der polnischen Grenze zwischen Frýdlant v Čechách (Friedland) und Hrádek nad Nisou (Grottau) beschreibt. Unter den Lyrikern sollen hier vor allem Marek Sekyra und Luboš Příhoda erwähnt werden.
Neben ernsten Themen wie schwerer Krankheit und Tod, sowohl in Versform als in Prosa, sorgt Jan Šebelka ziemlich am Schluss mit seiner Geschichte vom Nikolaus und urwüchsiger Kneipenromantik noch einmal für hintersinnige Heiterkeit. Begleitet werden die Texte durch Reproduktionen der Werke von 20 bildenden Künstlern des Umfeldes von Liberec (Reichenberg) und Jablonec nad Nisou (Gablonz), die aber nicht als deren Illustration dienen, sondern eigenständig die ganze Breite der von diesen Künstlern angewandten Techniken verdeutlichen sollen. Eine sinnvolle Abrundung des gelungenen Gesamtprojekts.
Info:
Das durch die Euroregion Neiße über den Kleinprojektefonds Ziel 3 geförderte Buch wird weder in Deutschland noch in der Tschechischen Republik im Buchhandel erscheinen. Um es einem möglichst großen Leserkreis zugänglich zu machen, wurde es bereits den öffentlichen Bibliotheken im Altkreis zur Verfügung gestellt. Vorgesehen ist auch die unentgeltliche Abgabe an Schulen in Zittau und Umgebung.
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