Jizerské květy – Iserblumen
„Jetz ho ich´s soot“, soote unser Herrgout zum al´n Abraham. „Morne Obend gieht´s Dunnerwater lus. Un dos richte da Leuten aus: ´s soll sich ja niemand umsahn, mog viergiehn, wos will. Ich ho´s ne gerne, wenn de Leute su neugierig sein.“
Ja, richtig, die Rede ist von Sodom und Gomorrha aus dem zehnten Kapitel des Alten Testaments, allerdings etwas anders erzählt, als man es aus der Bibel kennt. Nein, es ist kein Oberlausitzer Dialekt, sondern der, wie ihn die einstigen deutschen Bewohner von Gablonz, dem heutigen Jablonec nad Nisou, sprachen.
Vor einigen Tagen konnte man ihn wieder hören, als im „Haus der Deutsch-Tschechischen Verständigung“ Jablonec nad Nisou/Rynovice (Gablonz/Reinowitz) die Präsentation des Ende vergangenen Jahres erschienenen Buches „Jizerské květy – Iserblumen“ stattfand.
Dabei handelt es sich um eine Anthologie deutschsprachiger Autoren aus der Umgebung der heutigen Städte Jablonec nad Nisou und Semily (Semil) vom 19. bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts. Humor schien vorprogrammiert, und es war – trotz der sprachlichen Unterschiede – auch für Oberlausitzer Ohren fast so etwas wie Balsam, als der 85jährige Erwin Scholz (Ervin Šolc) aus Liberec (Reichenberg) in dieser urwüchsigen Mundart zu Lesen begann.

Das, wie bereits angedeutet, vor allem heitere Texte enthaltende Buch hat eine Vorgeschichte. Bereits vor einigen Jahren hatten es sich Marek Sekyra (37) und Otokar Simm (65) zur Aufgabe gemacht, im Verborgenen, in Magazinen, vor allem in der Wissenschaftlichen Bibliothek Liberec (Reichenberg) mit ihrem riesigen Bestand an sogenannten Germanica aus den Böhmischen Ländern schlummernden Texte deutschsprachiger Dichter und Schriftsteller der Region dem Licht der Öffentlichkeit, vornehmlich der tschechischen, zugänglich zu machen.
In mehrerlei Hinsicht stellte dieses Vorhaben eine wahre Pioniertat dar. Sie wählten geeignet erscheinende Werke Reichenberger Autoren der o. g. Zeitspanne aus, trugen biografische Details über deren Schöpfer zusammen und übersetzten all das ins Tschechische. So erblühten unter ihrer „gärtnerischen Obhut“ und mit maßgeblicher Unterstützung der Wissenschaftlichen Bibliothek Liberec als Herausgeber 2008 die „Ještědské květy – Jeschkenblumen“ gleichberechtigt in deutscher und tschechischer Sprache.
„Wir hatten damals noch keinen konkreten Plan für einen Folgeband“, räumte Otokar Simm während der Lesung ein. Doch die Fülle der aufgefundenen Zeugnisse des wertvollen, der Heimat verbundenen sudetendeutschen Schrifttums ließ sie weitergraben. Diesmal konzentrierten sie sich auf die Autoren aus den Nachbargebieten der Jeschkenstadt. Sie wurden fündig. Immer wieder stießen sie dabei eben auf jene heiteren Texte in der typischen Gablonzer Mundart. Leider waren gerade diese nun ebenso wie viele der im Buch genannten Autoren selbst mit dem der unaufhaltsamen demografischen Wandlung in Vergessenheit, bedauerte Simm.

Deshalb sei man froh, mit Erwin Scholz einen prädestinierten Vorleser gefunden zu haben. Und der hatte natürlich aufgrund des mehrheitlich beide Sprachen und den Dialekt beherrschenden Publikums von Anfang an die Lacher auf seiner Seite.
Da begegneten einem der stets nach Kalbsbraten hungernde herrschaftliche Kutscher von Adolf Bengler, die „ale Reiß Marie vun Bodehause“ (Anton Johann Bielau) oder Hansjörgel, der in Josef Schmidts „verouchter Zollgeschichte“ entgegen der heutigen Zeit 100 Zigarren von Zittau nach Böhmen zu schmuggeln versuchte und dabei nicht mit den unerbittlichen Finanzern gerechnet hatte. Den Höhepunkt schließlich setzten Simm und Scholz mit Franz Josef Grundmanns Buch: „Aus´m al´en Testamente – Wie´s Schleiferseff d´rzählt“, dem die eingangs zitiertem Zeilen entstammten.
Auch Ernstes ist enthalten. So z. B. von Gustav Leutelt, dem Dichter des Isergebirges schlechthin, der den Kampf mit den Naturgewalten beschreibt, und Nachdenkliches von Rudolf Abert – ein Gedicht, in dem es auch um Blumen geht, aber nicht um die in der Heimat, sondern die zwischen den Einschlägen der Granaten. Dennoch bleibt das Ganze ein Lesevergnügen par exzellence.
Der einzige Wermutstropfen ist, dass die „Iserblumen“ aus vertragsrechtlichen und anderen Gründen nicht in den deutschen Buchhandel kommen werden. Allerdings muss man deshalb nicht darauf verzichten. Der Erwerb ist nach Aussage von Otokar Simm sowohl in der Wissenschaftlichen Bibliothek Liberec als auch im Kultur- und Informationszentrum Jablonec nad Nisou möglich. Der Preis beträgt 113 Kronen. Das sollte der Spaß wert sein. Übrigens, wie mir Otokar Simm unter der Hand verriet, denkt man nun schon über eine dritte derartige Anthologie nach, in der sich Vertreter der deutschsprachigen Literatur aus dem Raum Frýdlant v Čechách, dem sogenannten Friedländer Zipfel (Frydlantsko), wiederfinden werden.
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Titel: „Jizerské květy – Iserblumen“
Autoren: Marek Sekyra, Otokar Simm
Herausgeber: Wissenschaftliche Bibliothek Liberec
ISBN: 978-80-85874-61-7
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Kommentare
Wenn man den Beitrag als Rezension und Reportage sieht, wie er wohl gedacht ist, dann geht das sicher in Ordnung. Sie haben Ihre Kritik ja im letzten Satz relativiert. Dem schließe ich mich an. Man liest ja sonst so wenig aus der Region.
MfG
M. Wolfshagen
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