Zittauer Kunstauktion hilft Sieniawka

„Es gibt leider nicht nur solche Deutsche wie Sie", sagt Dr. Ryszard Perliński, Leitender Arzt der Nervenklinik im benachbarten Sieniawka (Kleinschönau) mit ernstem Gesicht. Vor ihm auf dem Tisch liegt ein Schild mit der Aufschrift: „Euer Leid – unsere Verpflichtung", im Gedenken an die Opfer der „Wilden Vertreibung" im Juni 1945. Unterzeichner ist die Schlesische Jugend Sachsen Görlitz.
Was ihn aber viel mehr erschreckte als die Botschaft selbst, seien die Überbringer gewesen. Sie waren vor dem Eingang zum Klinikgelände aufgetaucht in faschistischen deutschen Uniformen, zerlumpten Frauenkleidern und mit altertümlichen Kinderwagen, in denen Puppen lagen, die so präpariert waren, als hätte man kleine Kinder misshandelt, also mit „durchtränkten" Verbänden um den Kopf usw. Sein Kommentar: „Es wird immer Leute geben, die anders denken als wir. So ist eben das Leben." Allerdings sei man gerade in Polen für derartige Provokationen sehr empfindlich. Er habe das seinen heutigen, natürlich herzlich willkommenen Gästen einfach nicht vorenthalten wollen, erklärt der 63jährige Facharzt für Neurologie.
Hintergrund des Besuches war die im vergangenen Monat veranstaltete Zittauer Kunstauktion in der Hillerschen Villa. „Dabei haben sich spontan alle beteiligten Künstler bereit erklärt, 15 Prozent des Erlöses für einen guten Zweck zu spenden", berichtet, Silvio Thamm, einer der Organisatoren. So kam man auf diese am anderen Neißeufer gelegene medizinische Einrichtung. Der Gebäudekomplex hat eine sehr wechselvolle Geschichte. Dereinst als Kaserne erbaut, wurden hier in den sogenannten „Zittwerken" ab 1944 Flugzeugteile der Firma Junkers montiert. Ab August gab es einen durch Stacheldraht abgegrenzten Bereich, der im Klartext eine Außenstelle des KZ Groß Rosen mit etwa 860 Häftlingen umfasste. Im Februar 1945 stellte man die Produktion ein, und die Kaserne als solche wurde geräumt.
Noch im Mai 1945 wurde hier das Kriegs- und Zivilgefangenenlager Zittau eingerichtet. Im September übergab die Rote Armee dieses Lager an die polnische Armee, die es einen Monat später auflöste. Es würde den Rahmen sprengen, an dieser Stelle auf weitere Details einzugehen.
Die heutige Klinik existiert seit Mitte der 60er Jahre, anfangs unter Hoheit der Wojewodschaft Dolni Śląnsk (Niederschlesien) stehend, wird sie inzwischen vom Kreis Zgorzelec verwaltet. Etwa 250 Patienten werden hier behandelt. Leider nur schwerste Fälle, räumt Dr. Perliński ein.
Er selbst ist seit 1972 in Sieniawka tätig. Sechs Kolleginnen und Kollegen stehen ihm zur Seite, doch das reiche trotz Schichtdienst und größter Anstrengungen nicht aus. Natürlich geben auch die etwa 60 Krankenschwestern und Hilfskräfte ihr Bestes, betont er. Zu seinen personellen Sorgen kommen eben auch noch die materiellen Zwänge. Aber Hilfe aus Deutschland, speziell aus der Oberlausitz, habe es schon immer gegeben, fügt er hinzu.
Das begann schon etwa 1980. Eine größere Hilfsaktion, an der sich neben vielen Privatpersonen auch Handwerker, Sanitätshäuser, Betriebe und Einrichtungen beteiligten, gab es 2005/2006. Noch heute vergehe kaum eine Woche, ohne dass nicht irgendwer aus Deutschland etwas spende, freut er sich. Beispiele dafür hat er genügend zur Hand. Die Palette reicht von der evangelischen Kirchgemeinde Zittau, damals noch unter der sehr engagierten Pfarrerin Katharina Köhler, über „Albatros" bis hin zur ja ähnlich gelagerten Sächsischen Fachklinik Großschweidnitz.

Überall habe man vielfältige Hilfe in materieller und auch praktischer Form, wie z. B. durch unentgeltliche Arbeitsstunden seitens Zittauer Jugendlicher bekommen. Entsprechend der vorherigen Absprachen haben Tabea Hoffmann, Silvio Thamm und Armin Pietsch Alu-Stehleitern, Aktenvernichter und verschiedene Bastelmaterialien für die künstlerische Betätigung im Rahmen der Ergotherapie mitgebracht.
Gern werde er die jungen Gäste ein weiteres Mal in der Klinik empfangen, um ihnen dann auch einen Einblick in den Alltag der Patienten und deren Beschäftigungen geben zu können. Im Gegenzug erfolgte der Vorschlag, dass man ja im Herbst, wenn es eine weitere Zittauer Kunstauktion geben wird, auch eine Bild oder einen Wandteppich versteigern könne, der hier entstanden ist. Natürlich würde dann der Erlös vollständig der Einrichtung zu Gute kommen. Ein erster Schritt ist also getan. Sicher wird es nicht der letzte sein. „Wir müssen uns natürlich daran erinnern, was einmal war", unterstreicht Ryszard Perliński beim Abschied, „aber darauf müssen wir gemeinsam etwas Neues aufbauen."
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