postheadericon Multikulti?

FriedbertWpabloBoehmAls vor einigen Jahren in Buenos Aires ein „Europäischer Klub“ gegründet wurde, fand ich das höchst überflüssig. War nicht die ganze Stadt ein europäischer Klub? Gab es nicht an jeder Ecke eine Pizzabäckerei, in beinahe jedem Stadtteil ein „Munich“, hiessen nicht die Fussballvereine „River Plate“ und „Newells Old Boys“, trank man nicht belgisches Bier und ging in die „Alliance Francaise“? Böse Zungen behaupteten, der Bürger von Buenos Aires sei ein Spanisch sprechender Italiener, der sich für einen Engländer hält.

Von Engländern wurde mein Tennisklub vor über 100 Jahren gegründet, auf einem der breiten Streifen seitlich der Bahnhöfe, durch welche die von ihnen gebauten Züge fuhren und fahren. Zur Platzreservierung muss man sich dort frühmorgens in eine Liste eintragen.
Nach meinem Namen trugen sich ein: Soto (zweifelsfrei ein Abkömmling von Spaniern – allerdings war sein Vater bereits ein bekannter Dichter von Tangotexten), Carlino (seine Vorfahren waren Basken, „französische“, wie er beteuert – niemand will von spanischen Basken abstammen) und Papazian (dass alle „-ians“ aus Armenien kommen, weiss man ja).

Auf dem Rückweg kam ich an einem Platz vorbei, auf dem schon gespielt wurde, zwei Freunde. „Alló, wie gez?“ rief mir José María zu, „alles in Ordnung?“ Sein Grossvater war Franzose, aber da er in einem von deutschen Einwanderern bevorzugten Stadtteil aufgewachsen ist, hat er im Hause deutscher Freunde etwas von der Sprache aufgefangen, vor 60 Jahren oder so. „Bis jetzt noch ganz gut, und Dir?“ anwortete ich. Und zu seinem Partner Luis Codó sagte ich auf Spanisch: „Entschuldige, so früh am Morgen sprechen wir immer katalanisch.“ Er lachte, denn er ist in Barcelona geboren.

Als ich vor 35 Jahren in den Klub eintrat, gab es dort noch mehrere Engländer. Der letzte davon hat gerade seinen Schläger an den Nagel gehängt, mit sechsundachtzig. Damals konnte man beim verpatzten Aufschlag noch auf Schwedisch und Ungarisch fluchen hören. Jetzt bin ich der Einzige, der „Scheisse“ in einer anderen Sprache als Spanisch brüllt. Sogar der soeben eingewanderte Ukrainer (dort soll es in den vergangenen Jahren nicht besonders gut gegangen sein) flucht schon landesgemäss.

Multikulti? Keiner meiner Freunde mit den europäischen (oder arabischen oder jüdischen) Familiennamen hat über Allgemeinheiten hinaus je etwas über das Land oder die Kultur seiner Vorfahren erzählt und ich bin ziemlich sicher, dass keiner deren Sprache noch versteht. Wenn sie von kulinarischen Genüssen schwärmen, ist immer das Rindfleisch im Spiel. Bridge wird im Tennisklub noch ab und zu an einem einzelnen Tisch gespielt, aber an einem „Truco“-Abend ist der Laden gerammelt voll. Selbst Whisky und Cognac sind längst vom Rotwein abgelöst. Europäische Volksmusik kann man vereinzelt noch auf Gründungsfesten der entsprechenden Gemeinschaften hören. Mitsingen tut niemand und so richtige Stimmung kommt erst mit Frank Sinatra auf oder wenn wieder Tecno gehämmert wird.

Ich habe meine Meinung geändert. Buenos Aires ist trotz seiner an Paris, Madrid und Rom erinnernden Paläste und Strassenzüge, trotz Pizza und Gulasch kein europäischer Klub mehr. Die europäischen Traditionen sind versunken, überdeckt durch leichtlebige Modernität und die manchen suspekt erscheinenden, immer bedeutenderen Anleihen, die Argentinien von seinen „lateinamerikanischen Brüdern“ macht.

Wer will, kann das immer noch Multikulti nennen. Eine Alternative wäre Nihilkulti.

 

 

Kommentare  

 
+1 #1 Wolfgang Rösner 2011-10-16 01:54
Lieber Friedbert, danke für Deinen interessanten Bericht. Ich war einige Male in BA und fand, BA ist so, wie Rom eigentlich sein sollte. Ich persönlich ziehe allerdings Rio vor und wohne hier seit 5 Jahren. Die kulturellen Wurzeln der Einwanderer, und das sind ja letztlich so gut wie alle, verwischen sich natürlich im Laufe der Generationen. Und wenn Argentinien sich einiges von Brasilien abschaut, ist das immer noch besser als von den USA zu kopieren.... obwohl ich genau diesen Eindruck hier in Rio leider habe, zumindest was den Shopping-Lebensstil der neuen Reichen hier angeht. Aber nun, so ist es eben, wenn einfache Leute plötzlich zu Geld kommen und eine Kreditkarte haben. Im Übrigen: Wie europäisch ist Europa eigentlich noch? Und schließlich: Ist Europa so viel besser und kultivierter? Duvido. Komm doch mal in Rio vorbei, dann treffen wir uns auf ein Schwätz'chen!!
Grüße
Wolfgang
Zitieren
 

Kommentar schreiben

Es gibt nur zwei Regeln:
1. Halten Sie sich an die Gesetze.
2. Es gibt kein Recht auf Veröffentlichung.


Sicherheitscode
Aktualisieren

Suche
Spenden via PayPal
Facebook
Teilen auf Facebook
Meinung

meinung

FAKTuell - Archiv - Links

►  Frank-Stelzer-Interview Archiv

Stelzer Motor * Frank Stelzer & Christopher Ray * Stelzermotor-Werkstatt (c)FAKTuell 2006

-------------------------------------

 

FAKTuell - Aktion

Besser Leben - Ego ist:  Immer erst ICH

 Kündigung für Merkel & Co.

PrekariatMachtStaat300610px220

 ---

 

---

Bedingungsloses Grundeinkommen

Seit 2005 auf faktor-L in der Diskussion...

CoverBild2bge280schild

...hier können Sie mitreden!

 

Hier: DerFilm - Freeware

 

Bedingungsloses Grundeinkommen & BIG in Namibia

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bedingungsloses Grundeineinkommen & Jobs on Demand

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Im Test: E-Zigarette

ESmoogColl222

Elektrische Zigaretten im Test...


Mit Volldampf Nichtraucher...

Nichtraucher in 48 Stunden * E-Zigarette

Das Geheimnis der E-Zigarette...

 

DerPoet * Immer ein Gedicht...

Weiber - und das mein ich ehrlich
Find ich eigentlich entbehrlich...

Christopher Ray * Der Poet * DerPoet.de

weiterlesen...

FAKTuell-Verlag

faktor-L 
Neue Medizin & HCG
Homöopathie
Hamer trifft Hahnemann

faktor-L Neue Medizin & HCG * Homöopathie  * oder: Hamer trifft Hahnemann

 ***

faktor-L

Neue Medizin 1
Die Wahrheit über Dr. Hamers Entdeckung
Krebs und andere heilbare Krankheiten
Mit einer Einführung
in die Neue Medizin von:
Professor Dr. Hans-Ulrich Niemitz


faktor-L * 1 Neue Medizin * Die Wahrheit über Dr. Hamers Entdeckung - Krebs und andere heilbare Krankheiten

***
faktor-L
Handbuch Neue Medizin 2

Die Wahrheit über Dr. Hamers Entdeckung
Konflikte - Auslöser - Verlauf
bei Krebs und anderen heilbaren Krankheiten
Inklusive: Lexikon der Neuen Medizin


faktor-L * 2 Handbuch Neue Medizin - mit Lexikon

***

Forum: faktor-L.de


***

 Neue Medizin Basiswissen

eBook 2,99
faktor-L * Neue Medizin * Bioblatt 1 * Basiswissen (faktor-L * Bioblatt) [Kindle Edition] Neue Medizin  07.06.2011


***
faktor-L

Neue Medizin 8
100 Tage Herzinfarkt
Alles mein Revier

faktor-L * Neue Medizin 8 * 100 Tage Herzinfarkt - alles mein Revier

 

***

HIV - AIDS
und die Virenlüge

Ein Esstisch-Gespräch mit
Dr. Stefan Lanka & Karl Krafeld


faktor-L 6 * HIV - AIDS und die Virenlüge * Interview mit Dr. Stefan Lanka & Karl Krafeld

***

faktor-L
Neue Medizin 3

Therapie und Praxis
Das Methoden-ABC


faktor L * 3 * Neue Medizin * Therapie und Praxis * Das Methoden ABC

***
faktor-L * Band 5

Katzen ...was sonst

Natürlich kann man ohne Katzen leben.
Aber weshalb sollte man...
Special: Neue Medizin für Tiere

Katzen ...was sonst * Was Sie schon immer über Katzen wissen wollten

***


faktor-L

Neue Medizin 7
Das Selbst und das Ich
Spurensuche
Ein Esstischgespräch mit
Irene Behrmann

faktor-L Neue Medizin 7 * Das Selbst und das Ich - Spurensuche * Regressionstherapie

***

Mai 2011: Auch als eBook

eBookFaktuellKindlEditionLogo2011


***

 

BGE Handbuch 07.06.2011

 ***

 hcg-info

ketario
Das Forum

***