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Vorab: Wer >28 Jahre, seit Btx, eine Onlinezeitung macht, der ist immer in der unangenehmen Situation dass bei technischen Änderungen und Anpassungen einige Artikel im Archiv verschwinden, oder mit der neuen Technik nicht mehr abrufbar sind. Einige dieser Artikel werden wir (auf Leser-Wunsch) wieder verfügbar machen, wenn uns das möglich ist. Dieser gehört dazu:

Sonntag 18. September 2005 - Haben wir eine Wahl?
RayEditorial15. September 2005 * Interview *

Jeder, der schreiben darf oder kann, hat in den letzten Wochen seinen Senf zur bevorstehenden Bundestagswahl dazugegeben. Aber auch der würzigste Senf kann nicht überdecken, dass die Wurst, um die es wieder einmal geht, fade schmeckt. Egal, ob der Metzger das Rezept der Union, der SPD, den Grünen, der FDP oder gar der neuen Linken.PDS verwendet. Irgendwie schmeckt alles, als hätte man eine einheitlichen Fertigmischung benutzt, und die Würze vergessen. Von neuen Rezepten - keine Spur.

Drei Tage vor der Bundestagswahl haben wir in unserer eigenen Wurstküche nachgefragt, ob denn tatsächlich keine besseren Rezepte auf dem Markt sind. Christopher Ray hat für uns in seiner Rezeptschublade gekramt und aus dem Nähkästchen geplaudert.

Anne Schlesinger:
"Kein einziges Editorial zur bevorstehenden Wahl," haben sich viele Leser beschwert, ich darf die Beschwerde weitergeben.

Christopher Ray:
Ein Editorial ist immer dann fällig, wenn es etwas bemerkenswertes zu kommentieren gibt. Mal ganz ehrlich, was halten Sie an dieser Wahl für bemerkenswert?

Anne Schlesinger:
Vielleicht, dass mit Angela Merkel vermutlich erstmals eine Frau ins Kanzleramt einzieht?

Christopher Ray:
Das ist doch keine Qualität an sich. Wenn sie femininer wäre als der Berliner OB, dann hätte man das vielleicht zum Thema machen können. Noch besser, wenn sie mit einem Programm angetreten wäre, welches sich von dem der alten Männer unterscheiden würde, die hier das machen, was sie für Politik halten. Etwas innovatives, zeitgerechtes. Das wäre ein Editorial wert.
Dass Frau Merkel alte Hüte verkaufen darf, die seit Adenauer in der Union getragen werden, hat doch nichts mit einem eigenen politischen Profil zu tun. Von Koch bis Stoiber sagen die Macher in der Union doch nur, dass es ihnen egal ist, wer unter ihnen Kanzler wird. Während Fischer und Schröder gerne betonen, dass Angela Merkel der beste Mann ist, den die Union für diesen Posten anzubieten hat.

Anne Schlesinger:
Ist das nicht ein wenig zynisch?

Christopher Ray:
Vielleicht polemisch, aber nur ein klein wenig. Sehen Sie sich doch selbst diese Wackelauftritte der letzten Wochen an. Da sagt Frau Merkel die Wahrheit, indem sie darauf hinweist, dass wir täglich mehr als Eintausend versicherungspflichtige Jobs verlieren, um uns im gleichen Atemzug die "wir werden das ändern-Lüge" aufzutischen. Es ist ja nicht schlimm, wenn man keine Ahnung hat - insofern man bereit ist, sich kompetenter Berater zu bedienen. Nicht Kirchhof! Ihren alten Parteikollegen Eggert hätte sie mal befragen sollen. Ich zitiere immer wieder gern seine Aussage aus einem Interview, das wir 1999 geführt haben:

Heinz Eggert  (CDU) Mitglied des Sächsischen Landtags und Ex-Innenminister:
"Wer das VW-Werk besichtigt hat, in einer Riesenhalle nur fünf Arbeitern begegnet ist, wo früher 800 arbeiteten, der kann nicht an Vollbeschäftigung glauben. Wir erleben den Abschied vom Industriezeitalter. Das muss endlich realisiert werden. Neue Konzepte, die der Realität gerecht werden, müssen auf den Tisch."

Anne Schlesinger:
Sie glauben also nicht, dass es möglich ist, wieder mehr Arbeitsplätze zu schaffen?

Christopher Ray:
Auch wenn mir wieder einige Politiker vorwerfen werden, ich wäre über mein eigenes Ego gestolpert, kann ich nur darauf hinweisen, dass es nur eine einzige Antwort auf die wirtschaftlichen Realitäten gibt: Das Bürgergehalt! (Mehr: Hier ) Am besten in der Version des DM-Drogeriemarkt-Inhabers Professor Götz Werner, der es gleich mit einem zeitgemäßen Steuerkonzept koppeln will. Abschaffung aller Steuern, dafür eine Mehrwertsteuer von 45 bis 48%, aus der alle Staatskosten bedient werden, und ein Bürgergehalt von 1200 bis 1500 € im Monat.

Anne Schlesinger:
48 Prozent Mehrwertsteuer? Wie teuer soll denn dann alles werden?

Christopher Ray:
Die Frage habe ich erwartet. Spontan stellt sie sich fast automatisch. Aber rechnen sie mal die ganzen Steuern dagegen, von der Einkommenssteuer (Lohnsteuer) bis zur Gewerbesteuer, dann funktioniert das praktisch ohne merkbaren Aufschlag zu den jetzigen Preisen. Das System würde zusätzlich den Standort Deutschland sichern, weil diese 45/48% natürlich auch auf alle Importe erhoben werden.

Anne Schlesinger:
Das würde doch hunderttausende von Verwaltungsjobs kosten.

Christopher Ray:
Richtig! Aber wer braucht die schon? Das sind doch sowieso nur verdeckte ABM-Maßnahmen. Wollen Sie den Fortschritt verhindern, nur weil er überflüssige Arbeitsplätze wegfallen lässt? Lohnarbeit ist doch kein Lebensziel, keine Qualität an sich. Mit einem ordentlichen Bürgergehalt wird das ursprüngliche Ziel, sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen, doch hinfällig.

Anne Schlesinger:
Das macht uns zu einem Volk von Faulenzern.

Christopher Ray:
Das ist Unsinn, der aus der falschen Annahme resultiert, dass Lohnarbeit ein Lebensinhalt ist. Aber Arbeit um überleben zu können, kann kein Lebensziel sein, weil uns dieses Prinzip eben gerade daran hindert wirklich zu leben. Etwas sinnvolles zu tun, statt um unseren Unterhalt zu kämpfen. Es bleiben noch genügend sinnvolle Tätigkeiten übrig, mit denen man auch zusätzlich Geld verdienen kann, wenn man sich mehr leisten will, oder einfach Freude an seinem Beruf hat. Insbesondere werden die Leistungen steigen, wenn man mit dem Bürgergehalt eine sichere Basis hat, und sich nicht mehr aus Angst um seine Existenz ducken und ausbeuten (lassen) muss.

Anne Schlesinger:
Und was ist mit den Krankenkassenbeiträgen?

Christopher Ray:
Kennen Sie die Neue Medizin von Dr. Hamer? Stellen Sie sich vor, Hamer hat recht. Alle Krankheiten sind in Wirklichkeit Sinnvolle biologische Sonderprogramme (SBS), und wir doktern permanent an den Heilungssymptomen herum. Dafür setzen wir jedes Jahr nicht nur Milliarden in den Sand, sondern schicken auch noch Hunderttausende frühzeitig auf den Friedhof. Also: Alternativen prüfen, dann klappt es auch mit der bezahlbaren Gesundheitspolitik. (Mehr: Hier!)

Anne Schlesinger:
Letzte Frage! Wen wählen Sie am Sonntag?

Christopher Ray:
Lafontaine und Gysi. Einfach aus einem Grund: Um die SPD mit einer starken Linken dazu zu zwingen wieder Sozialdemokratische Politik zu machen. Seit sieben Jahren hat die SPD doch nur das umgesetzt, was die Kohl-CDU sich nicht getraut hat. Hätte das eine CDU-Regierung versucht, würde die SPD zum Volksaufstand aufgerufen haben. Die beiden Lager, Rot/Grün und Schwarz/Gelb bieten uns doch am Sonntag ein bis auf Nuancen identisches Konzept, das in den letzten zwanzig Jahren schon nicht mehr funktioniert hat. Selbst Copperfield könnte keine neuen Arbeitsplätze aus dem Hut zaubern, und der versteht sein Geschäft.

Zum mitdenken noch ein paar aktuelle Zahlen:

Pressemitteilung des Statistischen Bundesamtes   Nr. 356 vom 31.08.2005

**********
ILO-Arbeitsmarktstatistik Juli 2005
**********
WIESBADEN - Wie das Statistische Bundesamt mitteilt, ist die Zahl der Erwerbstätigen im Juli 2005 gegenüber dem Vormonat um rund 30.000 Personen (? 0,1%) gesunken.
Die Zahl der Erwerbslosen stieg um 80.000 Personen (+ 2,0%).

Nach vorläufigen Berechnungen lag die Zahl der Erwerbstätigen mit Wohnort in Deutschland im Juli 2005 bei 38,76 Millionen Personen. Das waren 36.000 Arbeitskräfte (+ 0,1%) mehr als ein Jahr zuvor.
Die Erwerbstätigenquote als Anteil der Erwerbstätigen an der Gesamtbevölkerung im Alter von 15 bis 64 Jahren betrug 68,3% und war somit um 0,2 Prozentpunkte höher als im Juli 2004.

Die Zahl der Erwerbslosen lag nach Ergebnissen der Telefonerhebung Arbeitsmarkt in Deutschland des Statistischen Bundesamtes im Juli 2005 bei 3,94 Millionen und somit um 80 000 (+ 2,0%) höher als im Juni.
Die Erwerbslosenquote, gemessen als Anteil der Erwerbslosen an den Erwerbspersonen insgesamt, betrug im Juli 9,2% (saisonbereinigt 9,0%).

***
Pressemitteilung des Statistischen Bundesamtes Nr. 383 vom 13.09.2005

**********
3,5% weniger Beschäftigte im Handwerk Ende Juni 2005
**********
WIESBADEN - Nach vorläufigen Ergebnissen des Statistischen Bundesamtes waren Ende Juni 2005 im zulassungspflichtigen Handwerk 3,5% weniger Personen tätig als Ende Juni 2004. Zugleich stiegen die Umsätze der selbstständigen Handwerksunternehmen in diesen Gewerben im zweiten Quartal 2005 um 0,8% gegenüber dem entsprechenden Vorjahresquartal.

***
Pressemitteilung des Statistischen Bundesamtes Nr. 372 vom 8. 09. 2005

***********
Deutsche Ausfuhren Juli 2005: + 3,2% zum Juli 2004
***********
WIESBADEN - Wie das Statistische Bundesamt anhand vorläufiger Ergebnisse mitteilt, wurden im Juli 2005 von Deutschland Waren im Wert von 64,2 Milliarden Euro ausgeführt und Waren im Wert von 50,1 Milliarden Euro eingeführt. Die deutschen Ausfuhren waren damit im Juli 2005 um 3,2% und die Einfuhren um 2,9% höher als im Juli 2004. Auch im Vormonatsvergleich zeigt sich eine positive Entwicklung: Kalender- und saisonbereinigt stiegen die Ausfuhren gegenüber Juni 2005 um 0,5% und die Einfuhren um 3,7%.

Die Außenhandelsbilanz schloss im Juli 2005 mit einem Überschuss von 14,1 Milliarden Euro ab.
Im Juli 2004 hatte der Saldo in der Außenhandelsbilanz + 13,5 Milliarden Euro betragen. Kalender- und saisonbereinigt betrug im Juli 2005 der Außenhandelsbilanzüberschuss 13,1 Milliarden Euro.

***
Pressemitteilung des Statistischen Bundesamtes   Nr. 374 vom 8. 09. 2005

***********
19.153 Unternehmensinsolvenzen im ersten Halbjahr 2005
***********
WIESBADEN - Nach Mitteilung des Statistischen Bundesamtes meldeten die deutschen Insolvenzgerichte im ersten Halbjahr 2005 65.404 Insolvenzfälle, 15,1% mehr als im ersten Halbjahr 2004. Davon entfielen 19.153 Insolvenzen auf Unternehmen und 46.251 auf andere Schuldner.

Während die Zahl der Unternehmensinsolvenzen um 3,9% gegenüber dem ersten Halbjahr 2004 sank, stiegen die Insolvenzen der übrigen Schuldner um 25,4% weiter an. Die Insolvenzen der übrigen Schuldner verteilten sich auf 30.937 Verbraucher (+ 41,5%), 12 249 ehemals selbstständig Tätige (+ 5,5%), 1 761 Gesellschafter größerer Unternehmen (? 19,3%) und 1.304 Nachlassinsolvenzen (+ 4,6%).

***

LeseTipp: Bücher von Christopher Ray

Und eine aktuelle Statistik, die man kennen sollte:

Pressemitteilung des Statistischen Bundesamtes Nr. 369 vom 15. Oktober 2010

***********
August 2010: 1,3% weniger Beschäftigte im Verarbeitenden Gewerbe
***********

WIESBADEN - In Deutschland waren Ende August 2010 in den Betrieben des Verarbeitenden Gewerbes mit 50 und mehr Beschäftigten nach vorläufigen Ergebnissen knapp 5,0 Millionen Personen tätig. Das waren nach Mitteilung des Statistischen Bundesamtes (Destatis) rund 63 600 Personen oder 1,3% weniger als im August 2009.

Die Zahl der im August 2010 geleisteten Arbeitsstunden nahm im Vergleich zum August 2009 um 7,8% auf 603 Millionen zu. Dabei ist zu berücksichtigen, dass es im Berichtsmonat 22 Arbeitstage gab und somit einen Tag mehr als im August 2009. Die Entgelte lagen bei 16,6 Milliarden Euro; das waren 3,6% mehr als im Vorjahresmonat.

Die Beschäftigtenzahlen stiegen im August 2010 gegenüber August 2009 in den Bereichen Herstellung von Nahrungs- und Futtermitteln um 1,9% und Herstellung von chemischen Erzeugnissen um 0,7%. Der Bereich Herstellung von Gummi- und Kunststoffwaren verzeichnete 0,3% mehr Beschäftigte.

Einen geringen Rückgang der Beschäftigtenzahl gab es in der Herstellung von Datenverarbeitungsgeräten, elektronischen und optischen Erzeugnissen mit - 0,7%. Überdurchschnittlich verringerte sich die Zahl der Beschäftigten unter anderem in der Metallerzeugung und -bearbeitung mit - 3,3%, in der Herstellung von Metallerzeugnissen mit - 2,4% sowie im Maschinenbau mit - 2,1%.

 

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Kommentare   

 
+1 #1 Volker Rettig 2010-10-16 10:38
So ein Archiv hat was. Danke dafür, dass Sie das Interview wieder verfügbar gemacht haben.
Auch die aktuelle Mitteilung des Statistischen Bundesamtes zeigt, was an dieser Schönrederei des Aufschwungs und der daraus resultierenden Jobs wirklich daran ist. Nichts.
Alles findet im Niedriglohnsekt or statt, der nur Aufstocker generiert.
Deshalb: Bedingungsloses Grundeinkommen jetzt!!!
MfG
Volker Rettig
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