Eine dankbare Zielgruppe sind dagegen Journalisten. Meist kennen sie sich nicht einmal ansatzweise mit Rechnern aus, bekommen aber immerhin einen billigeren Journalistentarif und sind somit recht empfänglich für die Verlockungen von AOL. Mindestens ebensooft fallen völlig unbeleckte Computerkäufer auf AOL herein. Sie installieren die Software und freuen sich. Denn tatsächlich hat AOL eins geschafft: Nach der Installation kann man sofort online gehen.
Dann gibt es noch eine dritte Gruppe: Der interessierte Familienvater mit Ambitionen. Er arbeitet sich in die Materie ein, geht über eine DFÜ-Netzwerkverbindung ins Internet und freut sich so lange, bis das Töchterlein AOL drüber installiert. Dann geht nämlich meist nichts mehr. Hat der Familienvater Glück, kommt er nun über AOL online, über seine DFÜ-Netzwerkverbinung allerdings garantiert nicht mehr. Hat er Pech funktionieren beide nicht. Die meisten haben Pech. Die anderen letztlich auch. Denn nun beginnt erst der richtige Spaß.
Noch immer glauben AOL-User ja wirklich, sie bewegten sich im Internet. Tatsächlich sind sie jedoch erst einmal in einem AOL-Käfig, aus dem man nur gezielt oder zufällig entkommen kann. Wer über AOL online geht, gelangt in ein Portal, in dem ihm in verschiedenen Bereichen Content angeboten wird: Von Nachrichten über bestimmte Rubriken bis hin zu diversen AOL-Chats usw. Erst wer sich hier hindurchwuselt und gezielt URLs von Nicht-AOL-Seiten eingibt, gelangt ins WWW. Auch hier ist der AOL-User etwas besonderes. Dank des eigenen Browsers, den AOL anbietet, entgehen ihm viele nette Dinge im Internet, die für einen Firefox-Nutzer beispielsweise Standard sind.
Tester geben ernüchternde Urteile zu diesem Browser. So zieht Netzwelt.de das Fazit: "Schlechter als der Internet Explorer." Bill-Gates-Hasser dürften erschüttert sein. Der Kritiker unterfüttert seine Mäkelei mit der Einschätzung: "Mit der neuesten Beta-Version kann man erstmals einen Browser erleben, der die Leistungen des Internet Explorers noch verschlechtert. Kunstvoll präsentiert sich der AOL Browser karg und überladen zugleich." Auf Symbolleiste und deutsche Übersetzung werde verzichtet. Dafür befänden sich am linken Bildschirmrand, im so genannten Pullout-Menü, Funktionen, die kein Mensch brauche oder die nicht funktionierten. Die Zeitschrift Chip nennt den Browser gar einen "kastrierten Internetexplorer.
AOL - In the Ghetto
Nicht die einzigen Tücken, mit denen AOL-Kunden zu kämpfen haben. Eine der schlimmsten dürfte der Umgang mit Mails sein. Was AOL nicht gefällt, kommt auch nicht rein. Und AOL gefällt vieles nicht. Unter dem löblichen Label Spamschutz verhindert AOL wahre Kommunikation. Die Probleme begannen im Februar vorigen Jahres. AOL leitete allen für Port 25 und damit E-Mail bestimmten Datenverkehr über einen Proxy. Einige Mail-Provider akzeptierten bei entsprechender Sicherheitsstufe gar keine Daten von solchen Mail-Proxys - die Post landete dann irgendwo, nur nicht beim Adressaten. GMX war besonders betroffen, nahm die Lösung damals aber selbst in die Hand und gilt heute als sicherste Möglichkeit, auch an AOL-Kunden eine Mail zu schicken.
AOL hat nun allerdings eine Möglichkeit gefunden, so ziemlich jeden anderen Mailuser im Netz davon abzuhalten, einem AOL-Kunden eine Mail zu schicken. Ganze IP-Bereiche werden komplett blockiert. Dabei wird nicht darauf geschaut, ob diese IP-Adressen auf schwarzen Listen stehen, weil sie als Spammer aufgefallen sind. Für AOL reicht es, wenn es sich um dynamische IP-Adressen handelt. Und die hat so ziemlich jeder.
Eine dynamische IP-Adresse erhält, wer sich per Modem, ISDN-Karte oder DSL-Anschluss bei seinem Provider einwählt. Sie ist dynamisch, weil sie, sobald ein anderer Kunde nicht mehr online ist, einfach vom Provider an den nächsten weitergereicht wird. Ein völlig übliches und verbreitetes Verfahren. Wer nun aber als Kunde von 1und1 beispielsweise eine Mail an eine AOL-Adresse schickt, bekommt ein knallhartes "Du kommst hier net rein" von AOL zurück. In der Email steht dann: "The IP address you are using to connect to AOL is a dynamic IP address. AOL will not accept future e-mail transactions from this IP address until your ISP removes this IP address from its list of dynamic(residential) IP addresses."
Und so warten täglich hunderte AOL-Kunden vergeblich auf eine Antwort von Menschen, die sie angemailt haben. Kaum auszudenken, welche menschlichen Dramen AOL hier bereits verschuldet hat. Das einzige, was hier hilft, ist eine kostenlose Mail-Adresse bei web.de oder gmx, die der AOL-User statt seiner AOL-Mail nutzt.
Das alles sind dennoch lösbare Probleme, jedenfalls, wenn man sich auf die AOL-Sicht in Sachen Internet und Kommunikation einstellt. Für Betreiber von Internet-Foren stellt AOL allerdings inzwischen wirklich so etwas wie ein rotes Tuch dar. Immer wieder fliegen angemeldete AOL-Kunden aus Foren heraus, müssen sich immer wieder neu anmelden. Der Grund ist auch hier wieder AOL. AOL vergibt wechselnde IP-Adressen an die User nicht nur bei deren Einwahl sondern fast ständig, während diese online sind. Während also der normale Internetnuzer mit einer IP durch das WWW surft, tut der AOL-User das mit verschiedenen. Die Forensoftware registriert das als Unsicherheitsfaktor und zwingt den User, sich neu anzumelden. Denn unter der neuen IP ist er es ja noch nicht. Und so geben viele irgendwann völlig entnervt auf, da sie einfach keine Zeit und Lust haben, einen Beitrag ständig neu zu schreiben. Hier hilft nur eins: AOL-Kunden müssen mit einem anderen Browser online gehen, am besten Firefox.
Gegen diese Hürden, die AOL aufbaut, wirkt eine weitere fast schon niedlich. Bei AOL ist in den Mails die automatische Umwandlung geschriebener URLs in den Links standardmäßig gesperrt. Das bedeutet, dass der AOL-Kunde nicht einfach nur auf den Link klickt, um seine Anmeldung beispielsweise in einem Forum zu bestätigen. Denn da ist keiner. Es gibt allerdings die Möglichkeit, sich den Link anzeigen zu lassen. Diese Einstellung ist etwas versteckt in der oberen Leiste der Mail zu finden.
Wer nach all diesen Erfahrungen zu der Überzeugung kommt, AOL nicht zu brauchen, steht vor seiner bisher größten Herausforderung. AOL-Software lässt sich nicht so einfach deinstallieren. Sie gräbt sich tief in das System ein, gelangt bis in die Registry und führt somit immer wieder zu Konflikten mit anderen Programmen, DFÜ-Verbindungen und ähnlichem. Hier hilft meist nur, das System neu aufzusetzen und Töchterlein künftig vom Rechner fern zu halten.
Damit hat man nun aber immer noch nicht den Vertrag mit AOL gekündigt. Auch das ist eine gezielte Herausforderung. In der AOL-Software findet man unter dem Kennwort "Kündigung" erst nach beharrlichem Klicken durch die Untermenüs eine Telefonnummer. Über diese - 12 Cent pro Minute - darf man kündigen. Aber nicht allzulange vor dem Termin. Dann erhält man den Hinweis, das der Vertrag bis Juni laufe, eine Kündigung somit erst im Mai möglich sei. Natürlich drückt sich die Dame im Callcenter einfach nur etwas missverständlich aus, warum auch immer. Selbstverständlich kann man vorher kündigen. Bestätigt wird es aber eben erst einen Monat vor Ablauf des Vertrages. Schriftlich.
Dennoch. Ich gestehe: Ich nutze AOL regelmäßig. Und bin sehr zufrieden. Alle paar Monate hole ich mir Nachschub aus den Körben hinter der Kasse des Supermarktes. Etwa ein Dutzend AOL-CDs müssen es schon sein. Die giftigen Blicke ignoriere ich standhaft. Diese sauberen, jungfräulichen Silberscheiben sind es wert. Sie sind einfach die besten Untersetzer.
Wertung: 10 Top - 1 Flop
Preis: Freeware/Folgekosten * Alltagstauglichkeit: 3 * Handhabung: 2 * Nutzen: 2 *Total: 2,33
Anmerkung: Für Internetuser, die nicht in Foren aktiv sein wollen, zusätzlich eine Mailadresse bei einem anderen Anbieter nutzen und schnell online gehen wollen ist AOL (aktuell 9.0) eine einfache Alternative zu DFÜ-Netzwerkverbindungen. Für jeden der die Software wieder deinstallieren will/muss eine echte Herausforderung.