Deutschland - kein Sommermärchen
"Kick it like Frankreich - Der Aufstand der Studenten" - so heißt ein Dokumentarfilm von Martin Keßler über die Studentendemonstrationen in Frankfurt. Von den meisten Medien wurden sie totgeschwiegen. Spätestens seit den Montagsdemonstrationen gegen Hartz-IV ein probates Mittel. Motto: Was nicht sein darf, das passiert auch nicht in Deutschland. Philipp Berger studiert in Frankfurt. Er hat seine Gedanken zu dem Film und die Ereignisse im Sommer in Frankfurt für FAKTuell zusammengefasst.
Drunter und drüber geht es seit diesem Sommer 2006 in Hessen. Das liegt weniger an der WM im Fußball, sondern vielmehr an der Entscheidung der hessischen Landesregierung, Studiengebühren zu erheben. Die Entscheidung fällt die Regierung mit CDU-Mehrheit im Landtag in Wiesbaden am 5.Oktober 2005. Doch die Unruhe unter Hessens Studenten kocht bereits lange Zeit davor hoch. So kommt es zu öffentlichen Kundgebungen, die den Sinn der Studiengebühren in Frage stellen und die Einführung ablehnen.
Es folgen Vollversammlungen, Solidaritätskundgebungen sowie angemeldete Demos durch Frankfurt, Wiesbaden, Marburg und viele andere Universitätsstädte in Hessen. Ab Mai begleitet der Filmer Martin Keßler die Ereignisse mit der Kamera.
Ausgewähltes Publikum ist im Sommer nach Good Old Germany gereist, um die vielen Fußballfeste zu feiern, von denen es gehört hatte. Eine gute Gelegenheit für alle Studenten, ihrem Protest ein wenig internationales Gehör zu verschaffen. Dass es nachher nicht mal ein nationales geben soll, das ahnen sie noch nicht.
Tatsächlich schaffen es die Asten (AstA allgemeiner Studierendenausschuss), in der WM-Zeit einige Demonstrationen durch die Frankfurter Innenstadt und in der Nähe der Public Viewing Points zu organisieren. Im Gegensatz zu den vor der WM angemeldeten ordentlichen Demonstrationen, sind diese zumeist nicht genehmigt. Ein Punkt, der Ministerpräsident Roland Koch nicht gefällt, ebensowenig wie seinem ordnungsliebenden Polizeipräsidenten Achim Thiel. Der fordert ein hartes Vorgehen gegen die "subversiven Elemente" unter den Studenten. Was das bedeutet, wird bald klar: "Ein hartes Vorgehen gegen alle demonstrierenden Teilnehmer".
Es kommt zur Einkesselung der Demonstranten. Nicht immer kann die Polizei die Hessen vor dem studentischen Mob schützen. Der entkommt ihr immer wieder und schafft es dann auch noch, den Hauptbahnhof zu blockieren!
Nicht nur Hessens Landesvater ist enttäuscht. Offensichtlich hatte es Mauscheleien zwischen ihm und den Präsidien gegeben. Fortan wird bei der Auflösung von Demonstrationen auch geschlagen und getreten. Martin Keßler hält mit der Kamera drauf.
Nun, so ist das eben bei einer Demo. Um Koch zu zitieren: "Demonstrationen sind ein legitimes Mittel der Demokratie, solange sich alle an die Spielregeln halten." Jetzt weiß ich, was er meint. Spielregeln gelten für die, die nicht regieren. Wer regiert, der darf auch die freien Wählergruppen auf ein Eis einladen, damit sie sich anschließend zu Hause von ihren Salmonellen-Infektionen erholen können. Kein Problem für Roland Koch. Der weiß: Wahlen dürfen nicht ausfallen! Das wäre undemokratisch. Also macht er sie gleich selbst und stellt sich als Kandidat zur Verfügung. Aber das ist vermutlich eine andere Geschichte.
Zurück zu den Studentenprotesten. Die Spielverderber haben sich entschlossen, ein Exempel zu statuieren. Die Hundertschaften der Polizei rücken aus, um an der Universität Frankfurt auf dem Campus Bockenheim aufzuschließen. Sie versammeln sich um den Hort der studentischen Renitenz und umstellen unser geliebtes Café Corts (ehemals Café KoZ). Eine Aufforderung zur Räumung des Gebäudes folgt. Man feiert jedoch im Innern eine Party. Kein Mensch kriegt die Aufforderung überhaupt erst mit. Und noch bevor die Studenten ihren vielleicht doch guten Willen zeigen können, liegt das Gebäude in Trümmern. Fenster werden eingeschlagen, die Einrichtung demoliert und Studenten mit Kabelbinder gefesselt. Sie werden herumgeschubst, einige auch verhaftet. Nichts Außergewöhnliches mehr. Einigen passiert das zum wiederholten Mal.
Das alles passiert in Frankfurt und kaum jemand erfährt davon in Zeitungen, Fernsehen, Radio. Lediglich im Internet kann sich der bildungssüchtige Deutsche informieren. Auch die WM-Besucher interessieren die Probleme der Studenten wenig. Berichterstattung findet so gut wie nicht statt. Im besten Fall erfährt man im Verkehrsfunk etwas, wenn man gerade auf dem Weg nach Frankfurt ist oder diese Stadt über die Autobahnen verlassen will. Das klingt dann so: "Die A 66 ist aufgrund der Studentenproteste gegen die Einführung von Studiengebühren, von der Polizei gesperrt worden. Die Staus betragen bereits 30 Kilometer. Bitte umfahren Sie diesen Bereich weiträumig."
Aber es gibt noch Martin Keßler. Der Dokumentarfilmer hält die Kamera auf die Studenten und Politiker, während Sönke Wortmann in der Fußballerkabine dreht. Martin Keßler ist bei den meisten Aktionen in und außerhalb Hessens dabei. In seinem Film "Kick it like Frankreich - Der Aufstand der Studenten" hat er festgehalten, was in diesen Tagen in Hessen passiert ist.
Natürlich kann man in 90 Filmminuten davon nur wenig zeigen, jedenfalls keine 55 Filmstunden. Das ist nicht möglich. Aber verlassen wir uns hier einfach auf Martin Keßlers Gespür. Als langjähriger Dokumentarfilmer für die Öffentlich-Rechtlichen, dürfte er es ganz gut getroffen haben. Er beleuchtet verschiedene Standpunkte der Auseinandersetzung. Dabei wird deutlich - die Spielregeln machen selten die Demonstranten und unsere Repräsentanten haben leichte Probleme mit ihrer Bodenhaftung. Obwohl ich das System "DDR" nicht wirklich bewusst erlebt habe, kommt mir manch eine hier angewandte Methode sehr bekannt vor.
Martin Keßler zeigt in seinem Film den heißen Sommer in Frankfurt. Und obwohl wir Herbst haben, so ganz abkühlen will es sich einfach nicht. "Ne, habbe Sie's net aach geschbürd? Gestern, ganze 18,1° habbe die Meteoroloche gemesse. Fantastisch! Und des in Hessen! Am 16. November. Soll der heißeste Herbst seit dem Jahr 1963 sein. Das kommt wahrscheinlich net nur wesche dem Loch im Ozon, odder dem CO² in dem Frankfordder Lüftsche. Nee, nee, nee. Des sinn beschtimmt wieder diese Studente. Studiere net, aber heize die Atmosphäre noch oa. Nee, nee, nee!!!"
Tatsächlich steht schon die nächste Aktion an: Zum Global Action Day plant die Uni Frankfurt am 30. 11. 14 Uhr eine Vollversammlung, einen aktiven Streiktag und einen "Lauf für Bildung".
Der Dokumentarfilm "Kick it like Frankreich - der Aufstand der Studenten" ist jeweils 19:30 Uhr am 27. und 29. 11. im Kino Pupille auf dem Uni Campus Bockenheim zu sehen. Mehr Informationen unter www.neuewut.de
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