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Drei Millionen Euro hat er investiert; während der vergangenen sechs Monate hat Gunther von Hagens seine Werkstatt zur Plastination von Körperscheiben in der ehemaligen Gubener Wolle eingerichtet. Dazu gehört eine Schauwerkstatt, die seit heute offiziell für Besucher geöffnet ist. Hier können besucher hinter die Kulissen schauen, sehen, wie Plastinate entstehen. Das Interesse ist groß. Mehr als 1000 Menschen haben die Schauwerkstatt allein am ersten Tag besucht.
Ganz langsam neigt er sich nach links, rutscht noch ein Stück. "Er bewegt sich", ruft Gunther von Hagens. Ein Mann springt herbei, hält den Pokerspieler fest und versucht, ihn wieder in die richtige Position zu bekommen.
 Vergeblich. Immer wieder stoßen Journalisten gegen den Stuhl. Der Helfer bleibt sicherheitshalber beim Plastinat, stützt es. Freundlich lächelnd bewahrt er es vor dem Ungestüm der Massen. Dicht drängen sich Fotografen und Kameraleute, Mikrofonhalter und Schreiberlinge um die Runde. Gunther von Hagens sitzt am Pokertisch, hält die Karten und grinst in die Objektive.
 Der Plastinator Gunther von Hagens genießt den Medienrummel. Rund 100 Journalisten aus aller Welt sind zur Eröffnung des Plastinariums in Guben an die Neiße gereist.
Vor einem halben Jahr hatte von Hagens die Fabrikgebäude der ehemaligen Gubener Wolle gekauft. Hier werden Körperscheiben hergestellt, von Mensch und Tier. Ziel sind eine Million Präparate pro Jahr. 48 Menschen hat von Hagens bereits eingestellt. 2- oder sogar 300 sollen es bis 2010 werden. Mehr als nur ein Lichtblick für die Lausitzer Stadt. Die Arbeitslosenquote liegt bei mehr als 20 Prozent. Da sind die Ein-Euro-Jobber, die Hartz-IV zum Opfer gefallen sind, noch gar nicht gezählt. Sie fallen aus der Statistik.
 "Warum gerade Guben", fragt ein Journalist aus London. "Warum keine zentraler gelegene Stadt? Etwa weil es hier weniger Widerstand gegeben hat?" Gunther von Hagens gibt sich lokalpatriotisch. Guben sei zentral gelegen, jedenfalls europäisch gesehen. Von Berlin seien es mit dem Zug zwei Stunden. Im übrigen fühle er sich selbst der Region verbunden, der Mentalität. Als Kind sei er häufig in der Lausitz gewesen.
Worte, die dem Gubener Bürgermeister Klaus-Dieter Hübner wie Öl heruntergehen. Er setzt große Hoffnung in das Plastinarium. Nicht nur der Jobs wegen. Schon jetzt seien die positiven Effekte zu spüren. Durch den Um- und Ausbau hätten viele Handwerker der Stadt und Umgebung Aufträge bekommen. Zudem "ist jeder Besucher des Plastinariums ein Besucher von Guben".
Und das sollen mindestens 400 am Tag werden. Das hofft jedenfalls Gunther von Hagens. An drei Tagen in der Woche ist die Schauwerkstatt geöffnet, von Freitag bis Sonntag. Erwachsene zahlen zwölf, Kinder ab 14 Jahre sechs Euro. Die Gubener zahlen grundsätzlich nur sechs Euro. Ein Dankeschön des Anatomieprofessors an ihre Zustimmung zu dem Projekt. Laut Emnid hatten 78 Prozent für die Ansiedlung des Plastinators gestimmt. Nicht selbstverständlich. Im Vorfeld hatte es heiße Diskussionen gegeben. Neben der Kirche hatten sich vor allem Politiker in die Debatte eingemischt, beklagten Leichenfledderei und Verletzung der Menschenwürde.

Zur Eröffnung des Plastinarium haben sich 30 Gegner vor dem Gebäude eingefunden. Mit selbstgemalten Plakaten halten sie Mahnwache, geben den Journalisten Interviews, lassen sich fotografieren, beklagen die "Störung der Totenruhe". Als Gunther von Hagens zusammen mit Landrat Dieter Friese das Band durchschneidet, singen sie "We shall overcome". Nur wenige nehmen Notiz davon, einige summen unbewusst mit.
Von Hagens lässt sich die Freude an seinem Plastinarium nicht nehmen. Hibbelig führt er durch die Werkstatt, gestikuliert heftig, setzt sich in einen Smart neben ein Skelett, posiert vor den Fotografen. Das ist auch den Besuchern erlaubt. Erinnerungsfotos mit Skelett - für Bundeswehrsoldaten ist das bis Ende des Jahres sogar kostenlos. Ein Angebot des Meisters nachdem Bundeswehrsoldaten in Afghanistan mit Schädeln posiert hatten. "Ich verstehe diese jungen Menschen. Sie stehen total unter Stress", sagt von Hagens. "Wenn man Angst haben muss, von Heckenschützen getroffen zu werden, Freunde werden erschossen, dann muss man den Stress abbauen." Dabei will er helfen. "Hier können sie sich fotografieren lassen. Dann brauchen sie das nicht in Afghanistan zu tun", erklärt von Hagens.
Stolz führt er die Besucher weiter durch sein Heiligtum. Vorbei an großen Metallschränken, Flüssigkeitsbehältern, an aufgereihten Totenschädeln und Säcken voller Knochen. Zwischendurch legt er den Arm um eine Mitarbeiterin, stellt sie als "eine seiner Besten" vor, seit den 70ern arbeite sie für ihn. Läuft weiter, kommt zu einer Reihe Skelette, die nebeneinander auf Stühlen sitzen.
 Wie Zuschauer im Kino sitzen sie da und scheinen Zuschauer zu gucken. Sie tragen Hüte. Eine Anspielung auf das Gebäude, in dem zu DDR-Zeiten Hüte hergestellt wurden, aber auch ein Witz, wie ihn von Hagens gern macht. "Ich habe Körperspender gefragt, ob sie etwas dagegen hätten, Hüte zu trage", erzählt von Hagens. "Keiner fand etwas dabei. Alle hielten das für in Ordnung."
Von übermäßiger Ehrfurcht vor Leichen hält er nichts. Für ihn ist das ein Machtmissbrauch der Mediziner. Er möchte, dass nicht nur einige wenige den menschlichen Körper kennenlernen. Alle sollen diese Chance erhalten. Insofern seien seine Plastinate "auch eine Kritik an den medizinischen Machtverhältnissen", sagt er. Dann geht es weiter.
In einem Behälter schwimmt ein Totenschädel in Wasser. Er ist gefüllt mit Erbsen. Durch die Quellung wird der Schädel an den dünnen Nähten, die wie Sollbruchstellen wirken, in seine Einzelteile gesprengt. Später dient er zur Anschauung im Anatomieunterricht. Daneben liegen die Überreste eines Kaninchens im Wasser. Lediglich die Gefäße des Tiers und ein paar Knochen sind übriggeblieben, aus ihm wird ein Gefäßplastinat. Noch ein paar Meter weiter schwenkt ein Mann hauchdünne Körperscheiben in Farblösungen.
Die Nachfrage nach diesen Präparaten ist groß. Nachfrage, für die auch von Hagens selbst sorgt. Er verwendet in seinem Unterricht als Gastprofessor in New York nur Plastinate. "Die Studenten lernen mehr, sind besser ausgebildet", ist er überzeugt. In einem halben Jahr etwa sollen Besucher auch Körperscheiben als Souvenier kaufen können. Nur solche von Tieren. "Menschen werden nur zu Lehr- und Forschungszwecken verwendet", stellt von Hagens Frau Angelina Whalley klar.
 Immer wieder betont von Hagens, dass er sich als Anatom und Künstler verstehe. "Ich bin ein Leichenveredler", sagt er. Seine Werkstatt sei ein postmortaler Schönheitssalon, die Plastinate könnten die Zuschauer "emotional und anatomisch bilden". Die Überreste der Körperspender sind für ihn keine Leichenteile, sondern Dinge. "Ein Plastinat, wie zum Beispiel eine Scheibe, ist so wenig ein Leichenteil wie ein Stück Fleisch auf dem Teller ein Tierkadaver ist."
 Tatsächlich beherrscht er die Kunst, seinen Plastinaten Leben einzuhauchen. Da fliegt ein Hochspringer elegant über die Latte, die Bewegung genau beobachtet und perfekt festgehalten. Ein Staffelläufer übernimmt den Stab, ein Fechter kämpft gegen einen unsichtbaren Gegner. Ein Gorilla steht in seiner vollen Größe aufrecht an einem Baum. Fast lebendig wirken auch die drei Spieler am Pokertisch. Einer hat die Zunge zwischen den Zähnen, die beiden anderen beobachten ihn konzentriert. Die drei spielen im neuen James Bond-Film eine Rolle. Für den in der DDR geborenen von Hagens eine besondere Genugtuung. Für ihn sei Bond schon immer ein Sinnbild für Freiheit gewesen, des über Grenzengehens.
Rund 6.000 Menschen haben sich bisher als Körperspender zur Verfügung gestellt. 213 kommen aus Brandenburg, 419 aus Berlin. Die meisten aber stammen aus Nordrhein-Westfalen - 1.234 Spender. Wenn sie sterben, schickt von Hagens seine Teams los. Aus allen Teilen Deutschlands werden sie eingesammelt und nach Guben gebracht, zu Ganzkörperplastinaten oder Scheiben verarbeitet.
 Eine menschliche Frontalscheibe bringt von Hagens 7.000 Euro. Eine Körperweltenausstellung schafft es auf drei Millionen Euro Gewinn. Momentan laufen drei parallel in den USA. Von Hagens macht Geld mit Toten. "Da bin ich stolz drauf", sagt er. Er brauche keine Subventionen. Er finanziere Institute, Forschung und Arbeitskräfte selbst. Und "mit Toten Geld machen, das macht auch jeder Bestattungsunternehmer".
Für solche Ansichten hassen und verachten ihn seine Gegner, werfen ihm vor, krank zu sein oder zynisch, die Menschenwürde zu verletzen. Gern vergleichen sie ihn mit Hitler oder den SS-Leuten, die menschliche Haut für Lampenschirme verwendet hatten. Von Hagens polarisiert. Die einen hassen ihn, die anderen bewundern ihn, nennen ihn genial. Unberührt lässt er keinen.
Dieter Friese, Landrat des Spree-Neiße-Kreises, gehört zu seinen Befürwortern. Schon bald, als er von den Plänen zur Ansiedlung in Guben gehört hatte, stellte er sich schützend vor von Hagens. Gegen die Kirche, gegen Politiker, gegen Parteifreunde. Er hält das Plastinarium "für eine ganz besondere Unternehmung, die aufhorchen lässt, die Guben ein Alleinstellungsmerkmal" gibt. Und auch Bürgermeister Klaus-Dieter Hübner sieht vor allem die Chancen. Und weist für alle Kritiker extra noch einmal darauf hin, dass die Entscheidung für den Verkauf der Fabrik an von Hagens mehrheitlich und demokratisch im Stadtrat gefallen sei.
Das ficht die evangelische Kirche nicht an. Pfarrer Michael Domke hält eine Kerze in den Händen, deren Flamme wegen des selbstgebastelten Windschutzes aus einem Joghurtbecher und des strahlenden Sonnenscheins nur zu erahnen ist. "Die Kirche lässt die Möglichkeit einer Verfassungsklage gegen das Plastinarium prüfen", erzählt er. Sie sollen die Vereinbarkeit der Präsentation von Leichnamen mit der im Grundgesetz garantierten Menschenwürde prüfen.
Für solche Pläne haben viele Gubener nur ein müdes Lächeln. Die 48 Mitarbeiter, die derzeit im Plastinarium arbeiten, sind vor allem froh über die Chance. Viele von ihnen waren jahrelang arbeitslos. Eine Chance auf einen Job gab es für sie nicht. Dafür zum Ausgleich Jahr für Jahr die immer gleichen großen Versprechungen der Politiker im Wahlkampf. "Für mich ist das ein Sechser im Lotto. Ich kann jetzt aufhören zu spielen", sagt Brunhilde Melcher. Die 52jährige arbeitet seit vier Tagen im Plastinarium und will unbedingt in die Produktion. "Ich finde das toll. Ich bin so stolz, dass der mich genommen hat", sagt sie und strahlt dabei.
Gunther von Hagens hat seine Führung inzwischen beendet. Die Besucher verteilen sich. Grüppchen stehen herum, beobachten Mitarbeiter beim Schnippeln und Positionieren von Leichen. Einige Chinesen geben unauffällig Hilfestellung. Sie sind die Experten. Seit Jahren arbeiten sie für von Hagens, bilden jetzt die Deutschen aus.
 Staunen, Nachdenklichkeit, Neugier und Begeisterung zeichnen sich in den Mienen der Besucher ab. Da ist kein Ekel, keine Furcht angesichts der offenen Darstellung, der unverhohlenen Präsentation. Was die offene nicht schafft, gelingt letztlich jedoch der versteckten. Auf zwei Liegen zeichnen sich Körper unter Laken ab. Verstohlen bildet das Laken die Umrisse ab, verdeckt jeden Blick auf das Verborgene. Eine Frau starrt darauf, dann dreht sie sich zu ihrem Mann um und fragt ihn mit aufgerissenen Augen: "Liegen da wirklich echte Leichen drunter?"
*** Ab sofort ist das Plastinarium wöchentlich von Freitag bis Sonntag geöffnet. Mehr unter www.plastinarium.de.
*** Kommentar: Deutschland zwischen Hartz und von Hagens Podcast: 007 in Guben - Leichen beleben die Stadt
*** Hintergrund: Interview: Körperwelten - Guben und der Plastinator Guben: Der Landrat und der Plastinator Körperwelten - Guben und der Plastinator Körperwelten - Ausstellung und Einstellungen Posieren mit Schädel ist keine Leichenschändung
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