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Sechs Jahre knochenharter Recherche liegen hinter Jutta Ditfurth. Das Ergebnis muss gelesen werden, wenn man Zeitgeschichte verstehen will. Denn es geht um die RAF, deren Gewalt und die Rache des Staates an den Akteuren der Gewalt. Es ist die Biographie von Ulrike Meinhof. Es ist die Biographie einer Frau, die die Demokratie ernst nahm und an ihr scheiterte, weil die Demokratie Andersdenkenden keinen Handlungsspielraum ließ. Es ist die Biographie eines Menschen, der journalistisch schreibend die Welt verbessern, die braune Vergangenheit seines Landes aufarbeiten und seinen demokratischen Staat daran hindern wollte, Krieg und Gewalt in anderen Ländern aktiv zu unterstützen oder durch politisches Nichtstun zu begünstigen.
Das Buch ist zugleich auch eine Beschreibung staatlicher Gewalt. Gewalt gegen Menschen, die Gewalt als politisches Druckmittel angewendet hatten. Psychische Gewalt gegen Ulrike Meinhof, Andreas Baader und Gudrun Ensslin. Da waren sie im Hochsicherheitsknast in Stammheim. Wenn zwei sich prügeln, sagt man, ist es unfair, denjenigen mit Füßen zu treten, der bereits am Boden liegt. Der Staat hat genau dies getan. Er hat Gefangene mit grausamen Psychoqualen gesundheitlich und systematisch zerstört. Er hat den Gefangenen das angetan, was sie an dem Staat kritisieren wollten. Wozu sie das falsche Mittel anwandten, nämlich Gewalt. Wären Ulrike Meinhof und Genossen Kriegsgefangene eines konventionellen Krieges gewesen, hätte man sagen müssen, der Staat habe die Regeln vökerrechtlicher Abmachungen über die Behandlung von Gefangenen systematisch verletzt. Den Status bekamen die Gefangenen aber nicht, obwohl einer der Verteidiger Meinhofs, Axel Azzola, versuchte, diese Sichtweise dem Gericht im Prozess vorzutragen.
Die Arbeit, alle Informationen aus Archiven und in Gespächen mit Beteiligten und Kenntnisinhabern zusammenzutragen, "war richtige Maloche", sagt die Autorin Jutta Ditfurth. Das Buch sollte eigentlich schon 2004 erscheinen. Gut, dass es nicht so war. Gut, dass es erst im November 2007 erschien, quasi druckfrisch vom Verlag an die Rezensenten und den Handel ging. Denn 2007 ist wieder ein Jahr, in dem die Politik Terrorgefahren sieht und darauf in der gewohnten Weise reagiert: mit dem Abbau von bürgerlichen Freiheiten, Überwachungsplänen, empfindlichen Strafen und einem leichtfertigen Verzicht auf humanistischen Umgang miteinander. Vielleicht, weil es keinen Ostblock mehr gibt, dessen inhumanem Umgang mit Dissidenten (Prag-Gdansk-Bautzen) die Ideologie von Freiheit und Wohlstand entgegengehalten werden muss?
Oft haben Biographien einen leichten Drive zur Glorifizierung, Stefan Reinkes Biographie von Otto Schily etwa. Oder die Autoren versuchen sich in Theorienbildung. Jutta Ditfurth hat das Leben der Hauptperson ihres Buches ohne Theorienbildung, ohne Legendenbildung, ohne moralische Werteinschätzung der politischen Motivation des Handelns von Ulrike Meinhof geschrieben. Und darum ist diese Biographie von allen Biographien, die ich persönlich gelesen und rezensiert habe, die beste gleich nach Johannes Willms Biographie von Napoleon.
Ulrike Meinhof. Die Biographie Verlag: Ullstein Buchverlage ISBN: 978-3-55008728-8
» 1 Kommentar
1"Döhring" am Freitag, 23. November 2007 08:18
Die Nazivergangenheit war und ist auch aufarbeitbar ohne Morde zu begehen. U. Meinhof war nicht besser als der Staat. Sie hat ihren Opfern viel Schlimmeres angetan als ihr angetan wurde. Was in keinster Weise die Überreaktionen des Staates entschuldigt. Ob die Autorin Meinhof glorifiziert oder nicht wird jeder Leser selber entscheiden.Das ist in einer Demokratie so. Auch wenn Ditfurth alle andere Literatur über Meinhof als \\\\\\\\\\\\\\\"Mist\\\\\\\\\\\\\\\" verteufelt, wird auch jeder Leser sich dort seine eigene Meinung bilden. Persönlich bedauere ich, dass Frau Ditfurth nur noch über Vergangenheitsthemen schreibt. Die Gesellschaft befindet sich im stetigen Wandel. Wenn die unumgehbare, weltweite Globalisierung gestaltet werden muss, würde ich einen Beitrag von ihr lieber lesen als die x-te Meinhof Biografie. Auch wenn ich politisch in vielen Punkten oft andere Schlussfolferungen gezogen habe als J. Ditfurth.
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