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||| Görlitz 25. Jahrgang|2006 ||| |
||| FAKTuell ® - seit 1982 ||| Deutschlands erste Online-Zeitung ||| ISSN 1610-1081 ||| |
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Traumziel Rügen - und wie ich es ganz
genau wissen wollte
"Schon wieder fünfzig tote Schwäne
auf der Insel Rügen in Mecklenburg-Vorpommern!", tönte es aus
dem Radio. In der Tagesschau hieß es, es gebe nicht genügend Helfer,
um die toten Schwäne einzusammeln, die auf Rügen wohl zu
"Abertausenden" tot herumliegen würden. Seit einer Woche spielte ich
mit dem Gedanken, eine Rügenrundreise zu unternehmen. Jetzt wollte
ich es genau wissen. Ich suchte mir die Nummer des Gesundheitsamtes des Landkreises Rügen heraus. Das nahm einige Zeit in Anspruch. Ich konnte auf der offiziellen Rügen-Seite keine Angaben dazu finden. Panik machte sich in mir breit. Es war Freitag, die Zeit lief mir davon, mittags würden sicher alle Behörden im Wochenende sein. Ich hatte Glück. Der Notplan sah für die Angestellten an diesem Tag etwas anderes vor. Als ich die Nummer gefunden hatte war es zwar Nachmittag. Am anderen Ende meldete sich dennoch eine Frau. Sie hörte sich kurz mein Anliegen an und verband mich anschließend mit einer Expertin, Frau Schmidt hieß sie. Frau Schmidt konnte es offensichtlich kaum erwarten, mich vor der Gefährlichkeit dieses Virus zu warnen. "Jaja, das Virus, das man in den zwei Schwänen nachgewiesen hat ist hochpathogen!", meldete sie sich. Ich war etwas perplex ob dieser Begrüßung, stellte mich nachträglich vor und erklärte ihr meine Situation. Ich sei ein potentieller Rügen-Urlauber und habe nur deshalb angerufen, um mir ein Bild von der Lage machen zu können, da die Nachrichten mir bisher kein eloquentes solches hatten vermitteln können.
Frau Schmidts Antwort auf die Frage,
wie schlimm die Lage sei: "Es ist sehr schlimm. Aber Sie können
trotzdem ruhig kommen, wenn Sie sich von toten Wildvögeln
fernhalten." Diese nämlich hätten das hochpathogene H5N1-Virus
in sich, was jedoch nur im direkten Kontakt mit den Vögeln
gefährlich werden könne, "also wenn Sie die toten Tiere
beispielsweise streicheln oder gar küssen würden".
"Nun gut, keine Helfer, also doch
Urlaub", dachte ich und fragte weiter: "Gibt es Sperrzonen,
in die man als Urlauber gar nicht mehr kommen kann?" Langsam nervte mich diese Sache mit dem Küssen wirklich. War es auf Rügen tatsächlich üblich, jeden toten Schwan zu berühren und ihm einen Abschiedskuss zu geben? Wurden hier wilde Strandparties gefeiert, Kuscheln mit wilden Schwänen? Oder war Frau Schmidt einfach nur reif fürs Wochenende? Ich ließ das Thema fallen. Frau Schmidt bekräftigte dagegen abschließend, solange man dies beachte, könne man Rügen ruhig besuchen kommen. Anschließend erklärte sie mir noch, dass man momentan auch verstärkt die Augen nach totem Gefieder aufhalte und "aktiv" nach toten Vögeln suche. Ich solle mir halt überlegen, ob ich kommen wolle. "Tja", dachte ich bei mir. Rügen ist vermutlich sehr verwinkelt, die Klippen versperren die Sicht, wahrscheinlich muss man deshalb nach den vielen toten Vögeln aktiv suchen."
Ich verabschiedete mich von Frau
Schmidt und entschloss mich, bei den Einwohnern nachzufragen. Meine
erste Station war Neuendorf auf Hiddensee.
Auf jeden Fall seien dadurch eben
viel mehr Vögel als sonst betroffen. Mein nächster Zielort war Schaprode. Ich rief eine Dame an, die auflegte, während ich gerade meine Lage schilderte. Offenbar war ich nicht der erste Anrufer. Ich rief also die zweite Person in Schaprode an, Frau Meier. Frau Meier meldete sich mit freundlicher Stimme, aber leicht genervtem Unterton. Ich erklärte ihr, was ich auch Herrn Müller schon erklärt hatte und teilte ihr auch mit, dass ich bereits beim Gesundheitsamt in Bergen angerufen habe, mich die dortigen "Berater" jedoch noch mehr verwirrt hätten. Als sie das hörte verschwand der Unterton aus ihrer Stimme. Frau Meier begann zu erzählen. Ihre Geschichte ähnelte stark der von Herrn Müller, aber kaum der von Frau Schmidt. Das Gesundheitsamt selbst könne man ja nicht wirklich ernst nehmen, meinte sie denn auch. Zum Abschied lud sie mich sogar ein, sie in Schaprode im Laden zu besuchen. Ich gab mich immer noch nicht zufrieden. Meine nächsten Opfer wohnten in Trent und Vaschvitz. Dabei bekam ich noch etwas anderes heraus: Auf meine Frage, ob es denn irgendwo abgesperrte Zonen gebe, sagte mir ein Mann: "Jaja, da hinten in der Pampa haben sie so Polizeiband gespannt, an ein paar Pfähle. Aber da kann man trotzdem hin, da ist keiner, der das kontrolliert." Ähnliches hörte ich bei allen Angerufenen, darunter Bauern, Verkäufer und sogar ein Tierarzt.
Ich gestehe, ich blieb etwas verwirrt
an diesem Freitag an meinem Telefon zurück. Als ich mir anschließend
in der Küche einen Kaffee machte, kam Felix, ein Nachbar auf meinem
Etagenflur im Wohnheim, hinein. Missmutig maulte er, dass er sich
kaum noch traue, irgendwas zu essen. "BSE, Gammelfleisch, jetzt
Vogelgrippe, nicht mal Grünzeug kann man essen, da sind Pestizide
dran."
Mit diesen Worten ließ er mich
zurück.
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