Görlitz 24. Jahrgang - 2005

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Marathon - mein Dritter
Görlitz: Europa-Marathon 29. Mai 2005
von Monika Berger-Lenz * 30.05.2005 *

40 Grad Celsius, blauer Himmel, Görlitz schwitzt. 155 Läufer starten zum Marathon.
Mehr als 350 wagen den halben. 42,195 km auf glühendem Asphalt stehen mir bevor und ein wenig bekomme ich jetzt Muffensausen. Es ist mein dritter Marathon. Mein erster war ebenfalls ein
ungewollter Hitzelauf. Mit 35 Grad war es damals aber noch etwas kühler.
Heute werden in Polen teilweise 55 Grad gemessen. Schatten gibt es nur an einer einzigen Stelle - hinter Lagow ist eine wunderschöne Eichenallee.
500 Meter Erbarmen.

Marathoni und Halbmarathoni starten gemeinsam.
Fünf Kilometer lang werden mein ältester Sohn und ich zusammen laufen. Bereits nach einem Kilometer sieht das Läuferfeld aus wie frisch aus der Sauna. Der Schweiß läuft in Strömen.
Die Läufer laufen mit.

Die Zgorzelecer stehen vereinzelt in Haustüren, an Fenstern und auf Balkonen. Ab und zu klatschen sie, viele schauen skeptisch. Nach fünf Kilometer Verwirrung. Die erste Verpflegungsstelle soll kommen, an der Ecke stehen auch Kisten mit Wasserflaschen. Wir bedienen uns, nehmen eine Flasche
mit. Nur 100 Meter weiter kommt die eigentliche Stelle. Auf die Becher voll Wasser können
wir nun aber verzichten.

Kurz darauf teilt sich das Feld. Die Halbmarathoni laufen nach rechts, wir traben weiter gerade aus. "Alaska" steht auf einem Schild, das Werbung für eine Bar macht. Selten dürfte diese Werbetafel so sehnsüchtig angeschaut worden sein wie heute.

Ich laufe gemächlich weiter. Überhole ein paar Läufer, grüße kurz. "Ohne Kopfbedeckung?", meint einer und schaut mich vorwurfsvoll an. Ich winke ab. Mein Haar ist dicht und relativ dunkel - noch überwiegt das braun die grauen Strähnen. "Nur Könige brauchen Kopfbedeckungen. Ich bin ein Indianer", denke ich und lächle ihn an.

Bei Kilometer sieben bin ich auf gleicher Höhe mit einem Laufveteranen. Während ein paar übermütige junge Polen in ihren Autos Beifall hupen, kommen wir ins Gespräch. Mehr als drei Dutzend Marathons ist der Lausitzer schon gelaufen. Vor wenigen Tagen ist er 77 Jahre alt geworden. "Sieger in meiner Altersklasse bin ich schon mal wenn ich durchkomme", sagt er und grinst. Das Wetter heute gefällt ihm besser als das bei seinem letzten Marathon im April. "6 Grad, Wind und Regen. Das war hart", meint er. Steigungen mag er ebenso wenig wie ich. Heute läuft er nur auf Ankommen. "Mehr ist nicht drin", sagt der 77-jährige Cottbuser. Nach ein paar Kilometern verabschiede ich mich. Mein Tritt ist etwas schneller, das will ich nutzen.

Ohne Mühe laufe ich weiter. Die Hitze macht mir weniger zu schaffen als befürchtet.
Ein leichtes Lüftchen weht, zusammen mit dem Schweiß kühlt es recht gut.
"So kann mans  aushalten"
, sage ich zu einem etwa gleichaltrigen Läufer, auf dessen Höhe ich nun bin. Entsetzt schaut der mich an: "Ich nicht, ich glaube, ich steige heute aus. Das ist zu
heftig."
Sein vierter Marathon, aber der erste außerhalb Berlins.

Wieder kommt eine Verpflegungsstelle. Etwas Wasser trinke ich, den Rest gieße ich mir über den Kopf. Eine Erfahrung von meinem ersten Lauf. Man trinkt schnell zuviel bei so einem Wetter. Dann schleppt man sich mit glucksendem Bauch durch die Gegend ohne wirklich Kraft daraus zu schöpfen. Wichtiger ist die Abkühlung, das Abwaschen des Schweißes. Nur so kann die Haut ausreichend transpirieren und man überhitzt nicht.

Kilometer 14, die Stadtbrücke. Ich bin wieder auf deutscher Seite. Jetzt kenne ich mich aus.
In Gedanken setze ich Zwischenzielmarken. Immer wieder stehen Görlitzer am Straßenrand und
feuern mit Trommeln und Ratschen die Läufer an. Zwischendurch bin ich ganz allein auf weiter
Flur. Ich komme mir vor, wie der einzige Läufer. Erst in Königshufen sehe ich wieder andere
Mitleidende vor mir.

Jetzt genieße ich die Voraussicht der Organisatoren und die Hilfsbereitschaft der Einheimischen. Immer öfter stehen sie an ihren Gärten und vor ihren Häusern. Sie sind bewaffnet mit Gießkannen und Gartenschläuchen, Wassereimern und Schüsseln voller Schwämme. Jedesmal wieder ist es eine Wohltat, sich erfrischen zu können. Nachher erfahre ich, dass die Organisatoren kurz vor dem Lauf herumgefahren sind und die Leute gebeten haben, Wasser bereitzustellen. Ob in Görlitz oder Schlauroth, in Pfaffendorf oder Kunnerwitz - überall stehen die Einheimischen bereit. Selbst bei dieser Hitze wird man kaum noch trocken. Ich achte nur darauf, dass mir kein Wasser in die Schuhe läuft. Ich habe keine Lust auf Blasen.

Es läuft sich recht gut.
Außer Wasser brauchte ich bisher noch nichts und die Zeit ist heute sowieso egal. Immer wieder überhole ich den einen oder anderen Läufer, bei Kilometer 30 hat einer offenbar Krämpfe im Oberschenkel. Das tut weh. Voller Mitgefühl laufe ich an ihm vorbei. Die Streckenposten haben sich in den Schatten verzogen, zumindest da, wo es möglich ist. In diesem Jahr sind die Straßen nicht völlig gesperrt, Autos werden durchgewunken, wo es möglich ist. Dadurch hält sich der Unmut und Frust auf beiden Seiten in Grenzen. Man merkt es auch den Polizisten an - viele feuern die Läufer ebenfalls an, klatschen Beifall.

Die Verpflegungsstellen folgen einander so dicht, dass ich immer öfter ablehnen muss.
Ich kann einfach nicht so viel trinken. Fast schon peinlich ist es, wenn mir die Helfer mit
Wasserbechern bewaffnet entgegen kommen, ich aber passen muss.

Völlig verdutzt bin ich, als nun auch zunehmend öfter Privatleute ihren Stand aufbauen und Wasser aus Flaschen einschenken, einer verteilt sogar ganze Flaschen. Soviel Hilfsbereitschaft macht die
schwitzenden Marathoni sprachlos. "Was sind die lieb, die Leute, so was von nett", meint einer und ich kann ihm nur zustimmen. Scheint, als ob der Europamarathon bei den Einheimischen angekommen wäre.

Kilometer 37.
Ich habe es fast geschafft.
Was jetzt kommt, ist allerdings eine Schikane. Von Görlitz-Weinhübel aus geht es bis zur Goethestraße hoch fast einen Kilometer nur bergauf. Und das mit einer Steigung von mindestens 30 Prozent. Ich kenne den Berg. Den laufe ich nie hoch. Meine Trainingsstrecke lege ich immer drumherum. Heute muss ich. Aber laufen werde ich nicht. Ich gehe. Ich versuche schnell zu gehen, das muss reichen.

Kurz darauf folgt die letzte Versorgungsstelle. Ich nehme mir ein Stück Apfel.
Ich trinke einen warmen Pfefferminztee und stelle fest, dass der erstaunlich gut schmeckt.
"Sie sehen aber noch  richtig erholt aus"
, meint die Frau am Stand und schaut mich fast vorwurfsvoll an. Ich zucke mit den Achseln. "Laufen soll ja auch gesund sein", erwidere ich und knabbere in aller Ruhe an meinem Stückchen Apfel.

Noch zwei Kilometer habe ich vor mir.
Dass ich die schaffe, ist keine Frage. Für mich.
Ich habe schon erlebt, wie einer 60 Meter vor dem Ziel umgekippt ist und mit dem
Rettungswagen ins Krankenhaus musste. Ich fühle mich immer noch fit. Jetzt sehe ich das Ziel.

Zwei Läufer sind vor mir, einer zieht noch schnell an mir vorbei. Soll er.
Kurz darauf habe ich es auch geschafft. Ich reiße die Arme hoch. Ich bekomme meine Medaille.

Mein Sohn steht da, er hat seinen halben Marathon auch geschafft. Mein Mann grinst mich an.
Er hat die ganze Zeit auf mich gewartet. Er weiß noch nichts von seinem Sonnenbrand. Es sind noch immer um die 40 Grad Celsius. Der Himmel ist blau. Und Görlitz schwitzt.

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